Jurjews KLASSIKER : Die große Leningrader Sünde

Oleg Jurjew erinnert an die Erzählkunst von Leonid Dobytschin.

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Am 25. März 1936 fand im ehemaligen Scheremetjew-Palast eine Versammlung des Leningrader Schriftstellerverbands statt, die dem Kampf gegen den „Formalismus“ gewidmet war. Der „Formalismus“ war die für die Volkserziehung im Geiste des Kommunismus schädliche Angewohnheit, zu kompliziert, zu wort- und satzverliebt, zu pessimistisch und zu individualistisch zu schreiben. Viele der Autoren, die im prächtigen Saal versammelt waren, hatten Angst, in diesem Zusammenhang erwähnt zu werden. Das bedeutete: immer wieder Selbstkritik zu üben, „sich vor der Partei zu entwaffnen“, Veröffentlichungsverzögerungen und -verbote zu erdulden, im schlimmsten Fall auch Festnahme und Lager.

Nur wenige fühlten sich vergleichsweise sicher, darunter bestimmt auch Leonid Dobytschin. Zu unbedeutend war er in der offiziellen Hierararchie der Leningrader Schriftsteller, ein kleiner kahlköpfiger Mann, der bescheidene Autor von drei schmalen Prosabüchern. Das letzte, der 1935 erschienene Roman „Die Stadt N“ war zwar kritisiert worden, aber das Echo dieser Kritik schien bereits verklungen zu sein. Und plötzlich hört man Naum Berkowskij, einen guten Literaturwissenschaftler, sagen: „Leonid Dobytschin ist unsere Leningrader Sünde! Entweder hat er alles, was in unserem Land innerhalb der letzten 19 Jahre geschehen ist, verschlafen oder er tut so, als ob er das verschlafen hätte.”

Dobytschin wurde unverhofft zum Helden der Veranstaltung. Man vermutet heute, dass die Spitze des Schriftstellerverbandes so die anderen, viel berühmten Autoren aus der Schusslinie nehmen wollte: Alexei Tolstoi, Soschenko oder Tynjanow, darunter Dobytschins Gönner, die ihn veröffentlichten, die ihm 1934 aus der öden Provinzstadt Brjansk, wo er in einem Zimmer mit vier Geschwistern lebte, zum Glück, nach Leningrad verhalfen, wo er zum ersten Mal in seinem vierzigjährigen Leben ein Zimmer für sich allein hatte. Kurz, Dobytschin wurde zum Bauernopfer erwählt.

Wahrscheinlich hat er die Situation auch genauso verstanden: Der kleine Mann in seinem besten Anzug meldete sich zu Wort und sagte, dass er mit der Kritik nicht einverstanden sei. Man erinnerte sich später: Er habe nicht erschrocken geschienen. Dann ging er aus dem Saal, und niemand sah ihn je wieder. Nur einen Brief hat er an einen Freund geschickt: Verfügungen, wie man seine Schulden bezahlt, und die Bitte, ihn nicht zu suchen, er gehe „weit weg“.

Heute, während in Deutschland bereits die zweite Übersetzung von Dobytschins Hauptwerk, dem schmalen Roman „Die Stadt N“ durch Peter Urban in der Friedenauer Presse gefeiert wird, wiederholt man in der russischen Presse unwissend (und ab und zu besserwisserisch) die Legende, nach der Dobytschin Selbstmord begangen habe. Sogar seine Leiche will man aus der Newa gefischt haben. Dafür gibt es keinerlei Beweise, wir wissen nichts über Dobytschins Schicksal. Aber wir können sein Buch lesen, das in einer unglaublich präzisen, knappen, musikalisch komponierten, bis zum letzten Komma durchdachten Sprache das triste und zugleich zauberhafte Leben einer westrussischen Garnisonstadt vor dem Ersten Weltkrieg beschreibt.

Mir gefällt es zu glauben, dass er einfach „weit weg” ging und in selbst gewählter Anonymität noch lange lebte. Er war Ingenieur (1916 absolvierte der 1894 in Westrussland geborene Arztsohn das Polytechnikum in Petrograd), Buchhalter (nach dem Bürgerkrieg arbeitete er als kleiner Beamter in Brjansk), er konnte überall eine Arbeit finden. Solche Geschichten kennt man aus der Stalinzeit: Jemand wechselt seinen Wohnort und rettet sich dadurch. Mir gefällt auch der Gedanke, dass irgendwo in einer kleinen Tajgastadt in einer Dachkammer noch Dobytschins unbekannte Texte liegen und sie jemand fände. Denn Dobytschin gehört zu den wichtigsten russischen Prosadichtern des 20. Jahrhunderts.

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