Jurjews KLASSIKER : Giftige Güte

Oleg Jurjew freut sich über „Den Teufel im Leib“

Oleg Jurjew

Ich ging mit ihr in mehrere Wäschegeschäfte, wo ich dafür sorgte, dass sie nichts bestellte, das ihr gefiel, mir aber nicht...“, und weiter: „Nach diesen ersten Siegen musste ich Marthe so weit bringen, dass sie nicht bei ihren Schwiegereltern aß.“ Wer spricht hier? Crébillon der Jüngere (1707–1777) mit seinen „Verirrungen von Herz und Geist“, desen Roman eine regelrechte Verführungswissenschaft entwickelt, die fast nichts mehr mit Erotik zu tun hat, sondern mit der Kunst, Menschen zu beherrschen? Choderlos de Laclos (1741–1803), dessen „Gefährliche Liebschaften“ von demselben handeln, aber die Grenzen und tragischen Folgen solcher Strategiespiele zeigen? Oder gar Stendhal (1783–1842), der ein hundertprozentig wirksames Fraueneroberungssystem entwickelt zu haben glaubte, das dann aber ungefähr so wirksam war wie das Gewinnsystem, das Dostojewski für das Spiel an deutschen Roulettetischen erfunden hatte?

Nein, hier spricht der 15-jährige Ich-Erzähler eines 1923 erschienenen französischen Romans, der die Schule schwänzt, um seine Angebetete bei ihren vorhochzeitlichen Besorgungen zu begleiten. Auch der Autor, Raymond Radiguet, war erst gut siebzehn Jahre alt, als er „Den Teufel im Leib“ schrieb, jenen berühmten Roman, der nun – nach Übersetzungen von 1925, 1954 und 1974 – in einer neuen, wunderbar knappen, intonationssicheren und rhythmisch ausgewogenen Übertragung von Hinrich Schmidt-Henkel auf den deutschen Buchmarkt zurückkommt. (Hoffmann und Campe, Hamburg, 160 Seiten, 14,95 €, auch auf 3 CDs als Hörbuch komplett eingelesen für 19,95 €)

Die Geschichte der tragischen Liebe eines 15-jährigen Gymnasiasten zu einer 18-Jährigen – erst Verlobte, dann Frau eines Soldaten im Ersten Weltkrieg – hat das französische Publikum in erster Linie durch die unpatriotische Haltung des Autors skandalisiert. (Wie, mit der Frau eines unserer Helden, hieß es auf die eine oder andere Weise, ohne Reue, ohne jede Frankreichliebe!) Das Buch, zuletzt mit Maruschka Detmers in der Hauptrolle verfilmt, wurde ein Erfolg und bleibt es. Der „Teufel im Leib“ gilt zu Recht als moderner Klassiker.

1903 in Saint-Maur-des-Fossés geboren, 1923 in Paris an Typhus gestorben, hat Radiguet 15-jährig mit der Schule (dem renommierten Lycée Charlemagne in Paris) aufgehört, um sich Literatur und Journalistik zu widmen. Der Wunderknabe hat sich mit den größten Dichtern und Künstlern der französischen Nachkriegsmoderne angefreundet (u. a. André Salmon, Max Jacob, Pierre Reverdy) und wurde von ihnen gefördert und bewundert, insbesondere von Jean Cocteau, seinem unzertrennlichen Freund. Cocteau war auch derjenige, der die ersten Veröffentlichungen von Radiguet ermöglicht, mit ihm zusammen die Zeitschrift „Le Coq“ gegründet und Radiguets Arbeit am „Teufel im Leib“ – auch materiell – unterstützt hatte.

Heute ist kaum noch etwas Skandalöses an diesem Buch auszumachen. Sein Reiz ist allerdings nicht verlorengegangen. Nur liegt er, vermutlich wie eh und je, weniger im Reiz einer pubertären Erotik – das Buch ist in dieser Hinsicht vergleichsweise reserviert –, sondern im letzten Aufleben einer großen Tradition.

Der Ich-Erzähler (und der Autor) nahm sich all die Crébillons und de Laclos, in letzter Konsequenz auch Stendhal und sogar den Marquis de Sade so zu Herzen, dass er ihre teuflischen Strategiespiele, diese höchste Wissenschaft des Egoismus, in den Kulissen seiner Gegenwart zu inszenieren versuchte.

Eine grandiose literarische Idee, die vielleicht nur einem Pennäler wie Raymond Radiguet einfallen konnte. Der junge Freund aller Avantgardisten hat dabei mit Liebe und Bewunderung zurückgeblickt auf das alte Frankreich, auf seine Literatur, die voll zynischer Weisheit und selbstvergessener Selbstsucht war, voll giftiger Güte und bezaubernder Bosheit. Eine Frankreichliebe der etwas anderen Art, die man noch immer gerne teilt.



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