Jurjews Klassiker : Halluzinationen unterm Mikroskop

Oleg Jurjew schwärmt für die Erzählkunst von Iwan Bunin. Zehn Bände erscheinen neu übersetzt bei Dörlemann.

Oleg Jurjew

Der sowjetische Erzähler und Dramatiker Valentin Katajew (1897–1986) erinnert sich in seinem von Horst Bienek ins Deutsche übersetzten Erinnerungsroman „Kraut des Vergessens“ an ein Gespräch mit dem bewunderten Kollegen Iwan Bunin. „Iwan Alexejewitsch“, heißt es darin, „Sie wurden wahrscheinlich sehr viel übersetzt? – O Gott, antwortete er gereizt. – Sehen Sie bitte selbst: Zum Beispiel beginne ich eine Kurzgeschichte mit dem Satz: ,In der Thomaswoche, an einem klaren, rosa angefärbten Abend, in jener lieblichen Jahreszeit, wenn ...’ Versuchen Sie das auf Englisch oder Französisch zu sagen und die Musik der russischen Sprache zu wahren, die Feinheit der Landschaft ...’ In jener lieblichen Jahreszeit, wenn ...’ Unmöglich! Und was bin ich ohne das? Nein, ich bin sehr wenig bekannt im Ausland ... wie aber auch bei uns in Russland, – fügte er bitter hinzu.“

Von mangelnder Bekanntheit kann natürlich keine Rede sein. Der 1870 geborene Bunin hat drei Mal eine der höchsten literarischen Auszeichnungen im vorrevolutionären Russland, den Puschkinpreis, erhalten und wurde 1909 zum jüngsten Mitglied der Russischen Akademie. Nach der Revolution floh er aus dem „roten Moskau“ und blieb 1918 bis 1920 in Odessa, wo ihn Katajew als junger Autor und „Schüler“ besuchte.

Im Süden Russlands spielte sich die „blutige Operette“ des Bürgerkriegs ab: Odessa ging von deutschen zu Entente-Besatzungstruppen über, weiter zu ukrainischen Petlura-Nationalisten in komischen Pelzhüten, dann zu „Weißen“ oder „Roten“. 1920 verließ Bunin das von den Bolschewisten eroberte Odessa und ließ sich in Paris nieder, wo er 1953 starb. 1933 bekam er den Nobelpreis für Literatur, als erster von bis jetzt fünf russischen Autoren.

Selbstverständlich wurden seine Werke viel übersetzt. Aber überall litt er unter dem Tolstoi-Dostojewskij-Syndrom. Russische Schriftsteller werden immer mit Tolstoi und Dostojewskij verglichen. Wenn der Vergleich zu stimmen scheint, verteufelt man sie als Nachahmer, wenn nicht – handelt es sich nicht um russische Literatur. Nur Anton Tschechow setzte sich gegen diesen Unsinn durch, dank der gewissen Autonomie, die das Theater genießt.

Oder hatte Bunin recht und sein bis ins Unmögliche nuanciertes Russisch, seine halluzinatorisch präzise Wiedergabe des Dinglichen, seine mikroskopisch genauen Kenntnisse des alten Russland sind schuld, dass er immer noch nicht so bekannt ist, wie er es verdient?

Die Übersetzung ist ein Geschäft mit Ungefährem: Jede Entsprechung ist unvollständig. Ein einfaches Beispiel: Derewnja (so heißt auch eine Erzählung Bunins), das russische Wort für Dorf, ruft im Bewusstsein eines Russen das Bild von Häusern aus Holz hervor. Solche Assoziationen, die Bilder, Töne und Gerüche hervorrufen, sind in eine andere Sprache nicht ohne Zugeständnisse zu übertragen. Eben auf solche Assoziationen aber ist Bunins „halluzinatorischer Realismus“ gebaut. Eine gute Übersetzung macht aus kleinen Ungenauigkeiten ein Modell des Originals. Und von Zeit zu Zeit geschehen Wunder: Das Ungefähre wird zum Gleichen, wenn nicht zum Selben, die Statue wird lebendig, ein Zwilling wird geboren.

Der Zürcher Dörlemann Verlag startete 2003 das zehnbändige Projekt „Iwan Bunin: Ausgewählte Werke in Einzelausgaben“, herausgegeben von Thomas Grob. Bis jetzt sind drei Bücher erschienen, darunter Bunins legendäres Spätwerk „Dunkle Alleen“, das in der lakonischen Poesie, in der Darstellung von psychischer und physischer Liebe kaum seinesgleichen hat. Es soll die Edition zu ihrem Abschluss 2015/16 krönen. Besäße ich tausend Daumen, würde ich sie alle drücken: Ohne Bunin als Bindeglied zwischen der klassischen russischen Literatur und der Moderne kann man letztere – Andrej Belyj und Fjodor Sologub, Leonid Dobytschin und Konstantin Waginow – nicht verstehen und lieben: Bunin weist den Weg ins russische 20. Jahrhundert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben