JURJEWS Klassiker : Ich bin a jossem

S’is mir gut – ich bin a jossem, so lautet der berühmteste Satz der jiddischen Literatur, zumindest der berühmteste außerhalb. Andererseits ist heute für die jiddische Literatur fast überall außerhalb.

 S’is mir gut – ich bin a jossem, wiederholt immer wieder der kleine Titelheld des „Mottl der Kantorsohn“ (Motl Pejssi dem chasns, 1908) von Scholem Alejchem. Sinngemäß übersetzt: Ich habe Glück – ich bin ein Waise.

Seine Familie wandert aus dem durch Pogrome und Revolutionen erschütterten Russischen Reich aus, nach Amerika, ins „Land der Freiheit“, wo auch keine Piroggen auf Bäumen wachsen. Ihr Weg dorthin, mit den neugierigen Augen eines Schtetlknaben gesehen, gehört zu den lustigsten, traurigsten und liebenswürdigsten Texten der Weltliteratur. Niemand ist ihm, dem Mottl, wirklich böse, egal was er anstellt oder sagt, denn er ist ein Waise; sein Vater ist kurz vor der Abreise gestorben.

Schólem Aléjchem ist die jiddische Aussprache der hebräischen Begrüßung Friede mit Euch. Der Schriftsteller, der sich dieses Pseudonym wählte, hieß mit bürgerlichem Namen Salomon Rabinowitsch und wurde 1859, also vor 150 Jahren, im ukrainischen Perejaslaw, dem heutigen Perejaslaw-Chmelnitskij, geboren, zu Ehren von Bogdan Chmelnitskij (1595–1657), einem der größten Judenschlächter in der europäischen Geschichte, der in ebendiesem Städtchen 1654 den großen Kosakenrat einberief, um die Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland zu besiegeln.

Alejchems erste Werke erschienen auf Russisch und auf Hebräisch, aber bald hatte er sich für das Jiddische entschieden – für die Sprache, die damals verächtlich „der Jargon“ hieß und sich gerade zur Literatursprache des osteuropäischen Judentums entwickelte. Die jiddische Literatur erlebte eine kurze, aber erstaunliche Blütezeit (ungefähr von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts), und sie brachte unzählige große Namen und Werke hervor, bis sie durch die Katastrophe des osteuropäischen Judentums, die Assimilation der Juden und den Zionismus, der das Hebräische als die Sprache Israels durchsetzte, beinahe versiegte.

Scholem Alejchem war der „dritte große Klassiker“ dieser Literatur (nach Mendele Moicher Sforim und Jizchok Lejb Perez) und bleibt der bekannteste unter ihnen, nicht zuletzt dank des Broadway-Musicals und des Hollywood-Films „Fiddler on the Roof“ (zu Deutsch: „Anatevka“) nach seinem Erzählungsreigen „Tewje der Milchmann“ (1894).

Ein jiddischer Autor stand schon immer in einer engeren Beziehung zu seinem Publikum als in anderen Literaturen: Er musste sein Publikum stets aufs Neue überzeugen, beim Jiddischen zu bleiben. Er musste diesem Publikum auch folgen, wenn es sich, wie die Familie des Kantorsohns Mottl, in die Richtung des einen oder anderen Schlaraffenlands absetzte.

Alejchem starb 1916 in den USA, wo sich bereits viele seiner Kollegen, Leser und Helden angesiedelt hatten. Im Jahr darauf begann die Gesamtausgabe seiner Werke in 28 Bänden. Mein Großvater konnte als Einziger in der Familie Jiddisch lesen, aber auch er bevorzugte Russisch. Sechs beige Bände von Alejchem in russischer Übersetzung standen in unserem Regal. In einem von ihnen, in der Nr. 3, las ich vor vierzig Jahren „Mottl der Kantorsohn“.

In einem traurigen und keineswegs ironischen Sinne ist die jiddische Literatur auch eine Waise. Einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, Itzik Manger (1901–1969), der aus Czernowitz stammte und im Unterschied zu Paul Celan nicht Deutsch, sondern Jiddisch als Poesiesprache gewählt hatte, sagte 1946, bei der Eröffnung eines Mahnmals für die beim Aufstand im Warschauer Ghetto gefallenen Juden: „Früher kam das Volk zu den Gräbern seiner Dichter. Heute kommen Dichter zum Grab ihres Volkes.“ Eine solche Verwirklichung seines ich bin a jossem konnte sich Scholem Alejchem kaum vorstellen.

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