Jurjews KLASSIKER : Ich bin ein armer Wandersmann

Oleg Jurjew wandelt auf den Spuren von Charles Dickens

Oleg Jurjew

Vor ein paar Jahren war ich – nach einer langen Lesung und einem noch längeren Abendessen – in einer norddeutschen Stadt zu Fuß ins Hotel unterwegs. Es war zwischen drei und vier Uhr morgens, klirrende Kälte, die Laternen atmeten gelben Dampf aus. Der Gehweg blinzelte schwarz-matt. Unter einem der seltenen halbhellen Fenster blieb ich stehen, um aus meinem Mantel ein Feuerzeug zu fischen. Doch es ließ sich nicht finden, egal wie ausgiebig ich die Mantelseiten abklopfte. Ich wollte schon weitergehen, als neben mir eine Schachtel Streichhölzer aufklatschte. Ich hob sie auf, schaute nach oben – das Fenster stand jetzt offen, ein Mädchen blickte auf mich hinab und lächelte nicht. Hinter dem Mädchen glänzte das Zimmer, von dort klirrten Gläser und lärmten Menschen. Eine Wolke beinahe sichtbarer Wärme wölbte sich um das Mädchen und schwebte aus dem Fenster. Ich bedankte mich höflich und ging. Auf einmal wurde mir trübe zumute, ich wusste nur nicht, warum.

Warum mir damals so trübe zumute ward, habe ich erst vor kurzem begriffen, als ich auf die Internetseite www.sutter.de/weihnachtslexikon stieß, die sich den einschlägigen Bräuchen der Europäer (in ihrem Sprachgebrauch: der EU-Bewohner) verschreibt. Unter „Großbritannien“ las ich Merkwürdiges über Charles Dickens, der, wenn nicht der Erfinder des Weihnachtsfests in seiner heutigen säkularen Form, so doch derjenige ist, der mit seiner berühmten „Weihnachtsgeschichte“ (A Christmas Carol) die Entwicklung eines ganzen Industriezweiges entscheidend angestoßen hat.

Die Internetseite, das Geschenk eines Gelbe-Seiten-Verlags im Ruhrgebiet an seine weihnachtsbegeisterten Leser, wollte wissen, dass der Dichter an Heiligabend „seine besten Freunde zu einem überaus reichhaltigen Weihnachtsmahl“ einzuladen pflegte. Nach dem Auftragen der Gans erreichte die „Behaglichkeit in der gut geheizten Stube ihren Höhepunkt“. Dickens ging dann zum Fenster und öffnete es. Gerade in diesem Augenblick, so wird behauptet, blieb unter dem Fenster „ein einsamer Wandersmann“ stehen. Er „verfluchte die Kälte und schlug die Arme über Kreuz“. Dann ging er weiter.

Und so etwas soll sich alljährlich abgespielt haben, was Dickens’ beste Freunde anscheinend nicht verwunderte. Erst nach dem Tod des Dichters erfuhren sie, dass der „frierende Wandersmann“ von ihrem Gastgeber eigens bestellt und bezahlt worden war, „um die heimelige Atmosphäre in der Stube durch die Kontrastwirkung noch zu verstärken“, resümiert mit vollstem Verständnis der unbekannte Erzähler.

Das war ich! Der „frierende Wandersmann“ unter dem Fenster! Jetzt hab ich’s begriffen! Darum war mir trübe zumute! Nur, als ich mich an Dickens-Kundige wandte, um zu erfragen, ob sie die Urquelle dieser Anekdote kennen, habe ich nichts als Hohn und Spott geerntet. Dickens-Freunde und -Forscher haben auf mich in einschlägigen Foren geschimpft, sogar verflucht haben sie mich, wie der frierende Wandersmann die klirrende Kälte – und das allein wegen meiner Frage.

Dickens, so hieß es, sei ein sehr, sehr guter Mensch gewesen und hätte so etwas nicht einrichten können. Ich sei ein Ignorant, ein Idiot und wahrscheinlich auch ein Christenfeind. Deshalb weiß ich nicht, ob die Geschichte wahr ist oder nur gut gelogen. Den Kern des viktorianischen und unseres aus seinem Geist geborenen „Behaglichkeitserhöhungsgefühls“ trifft sie auf jeden Fall gut.

Der viktorianische Mildtätigkeitskult und Charles Dickens, sein Prophet, waren wahrscheinlich eine der ersten Manifestationen jenes Gefühls. Dass unsere Liebe zu den Armen, Frierenden und Hungernden dieser Welt nicht unerheblich unserer eigenen Genusserhöhung dient, wissen wir insgeheim alle. Die meisten von uns haben bereits auf beiden Seiten des beleuchteten Fensters gestanden – nur gemerkt haben das noch nicht alle.

Trotzdem darf ich allen treuen Lesern dieser Kolumne frohe, behagliche Weihnachten und ein gesundes neues Jahr wünschen. Und die klirrende Kälte verfluchen und, wenn es mir beliebt, die Arme über Kreuz schlagen ...

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