Jurjews Klassiker : Im Bett mit Lagerlöf

Oleg Jurjew über Nils Holgerssons Trost für kranke Kinder.

Oleg Jurjew

Vor vierzig Jahren schneite es in Leningrad viel stärker, als es heute in St. Petersburg schneit. Dies würde auch für Berlin zutreffen: der Klimawandel! Was wir aber nicht wissen: Ob die Halsentzündungen vor vierzig Jahren auch in Berlin häufiger waren als heute? Häufiger und vor allem schlimmer? Als ob die Dicke des Halses mit der Dicke des Schnees in Zusammenhang stehen würde.

Leningrad, vor vierzig Jahren. Ich liege mit Halsschmerzen im Bett. Draußen fliegt, nein schießt, oder noch genauer: wird der gelb leuchtende Schnee schief durch die Laternen nach unten geschossen. Um meinen Hals ist ein Schal aus Hundewolle gewickelt. Neben mir auf einem Hocker steht in einem facettierten Teeglas eine 50:50-Mischung aus Tee und Himbeermarmelade, die nach der Überzeugung meiner Großmutter magische Heilkräfte besitzt. Auf meiner Brust (und zwei Wolldecken darüber) ein schmales, gute 30 Zentimeter hohes Bändchen. Darin fliegt ein drastisch geschrumpfter schwedischer Junge auf einem weißen Gänserich mit dem, wie ich jetzt, vierzig Jahre später, am Vortag des St. Martinstags 2008 verstehe, für einen Gänserich ziemlich höhnischen Namen Martin weg von zu Hause über ganz Skandinavien nach Lappland. Sie wissen schon: "Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen" von Selma Lagerlöf.

Dieses Buch war eine der Begleiterscheinungen meiner Halsentzündungen. Heilmittel oder Krankheitszeichen? Es war nicht auseinanderzuhalten. Nur hatte ich damals, im Bett mit der "Wunderbaren Reise", gar keine Ahnung, dass Selma Lagerlöf, am 20. November 1858 auf dem Gut Mårbacka in der schwedischen Provinz Värmland geboren und am 16. März 1940 ebenda gestorben, auch unzählige andere Bücher geschrieben hat, Romane und Erzählungen für erwachsene Leute wie ihr Debüt "Gösta Berling" - ganz gut, ganz gediegen, ganz schön.

Einige dieser Bücher, wie zum Beispiel der Roman "Jerusalem" (1902/03) über nach Palästina ausgewanderte schwedische Sektierer, sind auch heute äußerst interessant und überhaupt nicht veraltet (oder wieder neuartig anmutend). Ich wusste nicht, dass sie 1909 die erste Frau war, die den Literaturnobelpreis bekommen hatte, acht Jahre nachdem das schwedische Komitee den Preis überhaupt zum ersten Mal vergeben hatte.

Mit dem Geld kaufte Selma Lagerlöf das verschuldete väterliche Gut Mårbacka zurück und bewirtschaftete es mit Verstand und Geschick selbst. Aber was interessierte mich das vor vierzig Jahren in Leningrad? Es konnte mir auch gestohlen bleiben, dass die "Wunderbare Reise" nicht als Mittel gegen Kinderhalsschmerzen entwickelt worden war, sondern im Auftrag des schwedischen Volksschullehrerverbandes (1906) - als eine Art Lesebuch zur schwedischen Geografie und Geschichte.

Es ist mir auch heute egal, während ich das hier schreibe, am Vortag des St. Martintags 2008, wenige Tage vor dem 150. Geburtstag der "alten Schwedin". Mit allem Respekt vor der großen Dichterin: Für mich ist sie verbunden mit dem dicken, gelb leuchtenden Schnee vor vierzig Jahren da draußen in Leningrad, mit dem Geschmack der Himbeermarmelade im heißen Tee. Ich lege mich hin und schlage mein schmales, hohes Bändchen auf, dasselbe, das vor vierzig Jahren aufgeschlagen auf meiner Brust stand.

Der weiße Gänserich fliegt, der böse Fuchs rennt hinterher, der weise Storch erzählt aus der Geografie und aus der Geschichte, der kleine Nils wird langsam klüger und lieber ... Es wirkt, auch ohne Halsschmerzen und Schnee. Ach, der Schnee. In der 1904, gleichzeitig mit "Nils Holgersson" entstandenen Erzählung "Herrn Arnes Schatz", einem jetzt neu aufgelegten Winter- und Geistermärchen, ist von einem gestohlenen Schatz, blutigen Fußspuren im Schnee und anderen Geheimnissen die Rede (Aus dem Schwedischen von Marie Franzos, Manesse Verlag, München 2008, 112 Seiten, 12,90 €). Die Geschichte beeindruckte Gerhart Hauptmann so, dass er sie 1917 in eine "Winterballade" verwandelte.

Den Schnee gibt es sowieso nicht: der Klimawandel, wir wissen!

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