Jurjews KLASSIKER : Mein Vater, Laura und ich

Oleg Jurjew über Vladimir Nabokovs unentdeckten Schatz

Oleg Jurjew

Im 30. Todesjahr von Vladimir Nabokov (1899 – 1977) bot das Hotel in Montreux am Genfersee, in dem Nabokov die letzten 16 Jahre seines Lebens verbracht hatte, eine Nacht in der „Nabokov-Suite“ an – für 1393 Euro (inklusive einer Limousine vom Flughafen, eines Frühstücks im Wintergarten, eines Buchs über Nabokov und 90 Minuten caviar facial – einer Kaviargesichtsmassage). Der Kitschhasser Nabokov musste sich 2007 wohl das ganze Jahr lang im Grabe drehen.

Jedes Kind weiß: Vladimir Nabokov ist der Autor von „Lolita“, jenes Wunderwerks über eine unerwiderte Liebe des Alten Europas zur Neuen Welt (wie die Neue Welt halt ist – vulgär, ignorant und unwiderstehlich für alternde Europäer in Tweedsakkos), das dem wunderbaren russischen Exilautor und durchschnittlichen amerikanischen Literaturprofessor endlich ein ruhiges Leben frei von materiellen Zwängen ermöglichte.

„Lolita ist berühmt, nicht ich!“, scherzte Nabokov, doch machte ihn sein „kleines Mädchen“, wie er Lolita liebevoll-ironisch nannte, zu einem der berühmtesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Nun, im 21. Jahrhundert, beginnt er plötzlich zum „Autor Lauras“ zu werden. Sie wissen nicht, wer „Laura“ ist? Noch nicht.

In einem Schweizer Schließfach liegen cirka 50 Karteikärtchen mit „The Original of Laura“, Nabokovs letztem Romanprojekt. Zum Vergleich: Das Manuskript von „Ada“ umfasst 2000 solcher Kärtchen. Im Juni 1976 schrieb Nabokov aus einem Krankenhaus, er habe das Werk im Kopf bereits vollendet und lautlos vorgelesen – „Pfauen, Tauben, meinen längst verstorbenen Eltern, zwei Zypressen, mehreren sich versteckt haltenden Krankenschwestern und dem Hausarzt, so alt, dass beinahe unsichtbar“.

Nabokov hat das Verbrennen der Kärtchen verfügt – er wollte nur Perfektes hinterlassen. Seine Witwe Vera wagte es nicht. Seit sein Sohn Dmitri den väterlichen Ruhm allein verwaltet, wird „The Original of Laura“ immer präsenter. Zunächst in jener elitären Massenbewegung, die sich „Die Nabokovianer“ nennt, später auch im breiter werdenden Publikum.

Die 50 Karteikarten wurden zur „Hälfte des Textes“, so Dmitri Nabokov während einer Veranstaltung zum 100. Jubiläum seines Vaters. Gleichzeitig erfuhr das Fußvolk über den Brennbefehl und erschrak. Seither geht es so: Mal stellt der Erbe eine mögliche Veröffentlichung in Aussicht, mal erklärt er sich bereit, seine „Sohnespflicht“ zu erfüllen. Einmal hat er sogar angedeutet, diese Pflicht möglicherweise in gewissem Sinne bereits erfüllt zu haben. O Schreck!

Der höchste Punkt der Aufregung wurde am 14. Februar erreicht. Die „Times“ räumte dem Problem recht viel Platz ein. „Save it“, erklärte John Banville – und Tom Stoppard „Burn it“. Mr. Banville riet sogar, die Kärtchen an Kenner zu schicken, die Nabokov jr. später beraten würden, etwa John Updike oder Martin Amis.

Nun hat sich Dmitri Nabokov entschieden: Vergangenen Mittwoch sagte er dem vom Russischen Verteidigungsministerium betriebenen Fernsehkanal „Swesda“ (Der Stern), er wolle „The Original of Laura“ doch publizieren. Wüsste sein Vater, wie viele Menschen sich dieses Buch wünschen, wäre er einverstanden. Bald soll es in mehreren Ländern gleichzeitig erscheinen.

Interessant wird, ob die fünfzig Kärtchen „Lolita“ im Massenbewusstsein irgendwann tatsächlich ersetzen. Ob man beim Namen Vladimir Nabokov irgendwann an „den Autor Lauras“ statt an „den Autor Lolitas“ denkt? Das wäre eine Art Triumph der Virtualität. Man könnte sich vorstellen, wie Vladimir Nabokov plötzlich aufhört, sich im Grabe herumzudrehen, wie er aufersteht und zum matt-glänzenden, hoch und schief im Himmel hängenden Genfersee und den Pfauen, Tauben und Zypressen lautlos sagt: „Laura ist berühmt, nicht ich!“ Und lacht. Und lacht. Und lacht.

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