Jurjews KLASSIKER : Tod auf der Freitreppe

Vor 100 Jahren, am 30. November 1909 nach dem julianischen Kalender oder am 13. Dezember „des neuen Stils“, wie die Russen sagen (also nach der von den Bolschewiken 1918 eingeführten gregorianischen Zeitrechnung), starb in Sankt Petersburg, an der Freitreppe des vielleicht schönsten Jugendstil-Bahnhofs Europas, dem heutigen Witebsk-Bahnhofs, Innokentij Annenskij, Leiter des kaiserlichen Nikolaus-Gymnasiums in Zarskoje Selo und Kreisinspektor des Petersburger Schulkreises. Das Herz des 54-jährigen „zivilen Generals“ hatte versagt (sein Rang entsprach laut der berühmten von Peter I. eingeführten Rangtabelle, die die militärischen, höfischen und zivilen Dienstgrade des Russischen Reiches ordnete, der Würde eines Generals und verlangte nach der Anrede „Eure Exzellenz“).

Seine Exzellenz war auch ein kaum beachteter Literaturkritiker, ein nur Kennern vertrauter Übersetzer aus dem Französischen sowie dem Altgriechischen (den kompletten Euripides hat er übersetzt!) und ein nur einer Handvoll Petersburger Lyriker bekannter Poet. Sein einziger kleiner Gedichtband, „Leise Lieder“, 1904 erschienen, war mit Nik. T-o (auf Deutsch etwa „N. I. E. Mand“) unterschrieben, was wahlweise als Understatement oder als eine nüchterne Konstatierung seiner Lage gedeutet werden kann – oder als Anlehnung an den kleinen Scherz, den sich Odysseus mit dem Zyklopen Polyphem erlaubte. Kurz gesagt: Das Buch brachte seinem Verfasser nichts außer schlechten Kritiken.

Eben dieser „Niemand“ gilt heute, posthum, in der Geschichte der russischen Lyrik als einer der größten und einflussreichsten. Von seinen Qualitäten können sich jetzt auch noch einmal deutsche Leser überzeugen. Mit dem von Martina Jakobson herausgegebenen und übersetzten Auswahlband „Wolkenrauch“ (Edition Rugerup, 160 Seiten, 19,90 €) gibt er, zehn Jahre nach „Die Schwarze Silhouette“ im Zürcher Pano-Verlag, wieder ein Lebenszeichen.

Annenskijs zweites Buch, „Die Zypressenschatulle“, erschien vier Monate nach seinem Tod. Bereits die Fahnen machten Furore unter Petersburger Lyrikern, besonders unter den jungen Lyrikern aus dem Kreis von Nikolaj Gumiljow und seiner Frau Anna Achmatowa; diese lebten übrigens selbst in Zarskoje Selo, einem prächtigen Petersburger Vorort, der auch Zarenresidenz war. Gumiljow hatte sogar das von Annenskij geleitete Gymnasium besucht. Achmatowa schrieb in ihren späten Erinnerungen: „Als man mir die Druckfahnen der ,Zypressenschatulle’ zeigte, war ich verblüfft und las sie und vergaß alles andere auf der Welt“.

Nicht nur Achmatowa, alle Akmeisten hielten Annenskij für „ihren Lehrer“. Im Prinzip kann man sagen, das der Akmeismus, die postsymbolistische Bewegung in der russischen Lyrik, zu der außer Gumiljow und Achmatowa unter anderem auch Ossip Mandelstam zählte, sich als solche eben dann konstituierte, als Annenskij aufmerksam gelesen wurde. Damit stellten sich junge Lyriker der Hauptströmung der Zeit, dem Symbolismus – den großen, berühmten Dichtern wie Alexander Blok, Andrei Belyj oder Wjatscheslaw Iwanow – entgegen.

Die Symbolisten waren mystisch und geschichtsphilosophisch gestimmt. Der gehobene Tonfall ihrer Poesie entsprach ihren Themen. Innokentij Annenskij, der sich abseits dieser Hauptströmung entwickelt hatte, schien andere Möglichkeiten zu sehen. Ossip Mandelstam sagte einmal über Achmatowas Gedichte, dass sie ihren Ursprung in dem psychologischen Roman des 19. Jahrhunderts haben, dass sie kleine Romane in Versen sind – in zwölf, sechzehn Zeilen. Ohne Annenskij könnte sie das nicht.

Er hat zwar keine besondere Sprache oder Methode und kein besonderes poetisches Verfahren erfunden, er hat „nur“ gezeigt, das man ohne bedeutungsschwere, allzu schöne Worte auskommen kann, ohne die poetische Sprache des 19. Jahrhunderts, die man quasi als Pausenfüller zwischen wirklich bedeutsamen Versen benutzte. Und nun kam der „zivile General“ aus Zarskoje Selo und zeigte, dass man auch die Literatursprache der großen russischen Prosa, im Gedicht verwenden kann. Er kam, um das zu zeigen – und ging.

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