"Kathrin Schmidt" : Welt ohne Worte

Kathrin Schmidt erzählt in "Du stirbst nicht" von einer Schlaganfallpatientin.

Ulrich Rüdenauer

In Julian Schnabels Film „Schmetterling und Taucherglocke“ blicken wir durch die Augen eines gelähmten Mannes in eine verschwommen erscheinende, undurchschaubare Welt. Erst schemenhaft, dann immer deutlicher erkennt der Mann seine Umgebung, stellt bestürzt fest, dass er sich im Krankenhaus befindet. In seinem Kopf denkt es, aber er kann seine Gedanken nicht artikulieren. Er gewinnt seine Wahrnehmungskraft zurück, und doch kann er sich nicht verständlich machen. Regungslos muss er die Dinge mit sich geschehen lassen. Und wir, die Zuschauer, sind durch die subjektive Kamera ebenfalls Gefangene.

Bei Bewusstsein und doch ausgeliefert – das ist auch die Ausgangssituation, in der die Heldin in Kathrin Schmidts Roman „Du stirbst nicht“ steckt. Dieses Bewusstsein braucht eine Weile, bis es Ordnung schafft im Kopf. Der Körper nimmt keine Befehle an, lässt sich nicht bewegen; die Buchstaben sind durcheinandergewirbelt, die Wörter irgendwo versteckt, die Kraftreserven aufgebraucht. Nach und nach aber kommt Schmidts Patientin zurück in die Welt, die zunächst eine der Sprache ist: „Sie fängt an zu sprechen. Noch kann sie es gar nicht fassen. Es ist nicht viel, und oft ist es offenbar falsch, was sie sagt. Matthes war heute wieder da und fragte, was es zu essen gegeben habe. Als er nachfragte, sagte sie wieder Sand. Er wiederholte es, und da fiel ihr natürlich auf: Sand war völlig falsch. Quark hatte sie sagen wollen. Quark mit Kartoffeln. Sie haben gelacht.“

Hirnblutung lautet die Diagnose für Helene Wiesendahl, und das mit 44: Ein Aneurysma ist geplatzt. Aus heiterem Himmel wird die erfolgreiche Schriftstellerin, ihr zweiter Roman erscheint gerade, nicht aus dem, aber doch aus ihrem bisherigen Leben gerissen. Wenn sie nur wüsste, was das für ein Leben war. Der langsame Prozess der Genesung ist zugleich eine Wiederentdeckung der eigenen Geschichte, eine mühevolle Aneignung des Verlorenen und der Versuch, so etwas wie Kontrolle zurückzugewinnen. „Gefühlschaos ist ihr neu. So neu wie übereinander herfallende Gedanken, deren Anfänge und Enden sie jeweils gar nicht bemerkt: sie sind auf einmal da und schon wieder weg. Wenn sie sich zwingen will, einen von ihnen zu verfolgen, endet das unweigerlich in Tränen, denn sie schafft es nicht. Schlimm ist, dass sie das nicht auszudrücken vermag.“

Mit der wiederkehrenden Erinnerung ersteht die Sprache; die Kinder und ihr Mann Matthes erhalten nicht nur Gestalt, sondern auch ihre Eigenschaften zurück. Und mit der Erinnerung geraten immer wieder verwirrende Erlebnisse der letzten Monate vor der Krankheit in den Blick – Bruchstücke, die sich erst mit der Zeit zu etwas Ganzem zusammenfügen. Und zugleich das Gefüge der Familie durcheinanderbringen. Helene nämlich stöbert in den Kammern ihrer Erinnerung auch jenen Menschen auf, den sie vor kurzem erst kennen- und lieben gelernt hat: Viola Malysch, ein Transsexueller, mit dem Helene eine wundersame, zerbrechliche Beziehung verbindet – eine „ausgesprochene, ungelebte Liebe“, die sie aus der in Jahrzehnten eingeübten „Matthesordnung“ katapultieren sollte.

Kathrin Schmidt, 1958 in Gotha geboren und studierte Psychologin, schildert eindrücklich, wie Schicht um Schicht der Biographie Helenes enthüllt wird – und wie ihr neues, eingeschränktes Leben mit der Krankheit die Zukunftsgedanken bestimmt. Viola nimmt in dieser Wiedereroberung der Vergangenheit entscheidenden Raum ein; aus E-Mails von Viola kann Helene sich vieles vergegenwärtigen. Mit der Zeit tauchen auch Gespräche wieder auf, Anziehung und Schmerz, Widersprüche und die Abgründe im anderen Menschen. Und die im Sturz aus der Gegenwart fast ausgelöschte Entscheidung, ihre Familie verlassen zu wollen.

Kathrin Schmidt schildert die Rückkehr aus der Aphasie und Leere in die Welt als leidvollen, zugleich bereichernden Prozess: Kleine Fortschritte gehen durch die anteilnehmende Erzählhaltung nahe; der Leser erkundet die wiedergefundene Zeit, die persönlichen und auch politischen Ereignisse der letzten Jahre, auf Augenhöhe mit der Protagonistin.

Helene Wiesendahl erlebt ihre Vergangenheit als Roman, den sie erst deuten muss. Am Ende wird klar, dass es sich nicht nur um eine Rekonstruktion handelt, sondern im Rekonstruieren auch das Leben neu geschrieben wird, mit ungewissem Ausgang und einer unübersichtlichen, aber bewusst zu gestaltenden Zukunft. Denn „Du stirbst nicht“ ist nicht nur der Titel von Kathrin Schmidts einfühlsamem, die Suche nach Worten fürs eigene Sein eindrücklich nachvollziehendem Roman, sondern auch sein letzter, ins Offene weisende Satz.


Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht.

Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. 348 Seiten, 19,95 €.

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