Literatur : Kein schauerlicher Land

Gregor Dotzauer

Zersetzung heißt das Schlüsselwort. „und diese zersetzung ist unserer substanzbildung vorausgegangen. sie ist eingetreten lange bevor überhaupt eine substanzbildung bei uns oder in uns hätte stattfinden können“, schreibt der Ostberliner Dichter Johannes Jansen in seinem 1994 entstandenen Text „Fanal“. Zersetzung der DDR im neuen Körper der Bundesrepublik, Zersetzung eines künstlerischen Bewusstseins in einer depersonalisierenden psychischen Erkrankung.

Wo dabei zwischen Geschichts- und Eigenwahrnehmung die Grenzen verlaufen, lässt sich in Jansens fast interpunktionslosen Wörterlandschaften, Satzschlangen und Dramensplittern, die hier mit seinen letzten grafischen Arbeiten vereint sind, nicht mehr trennen. Ja Entgrenzung ist das Programm von „atem holen immerhin ...“ , im Bemühen, eine erstickende Enge zu überwinden, die doch nur hinausführt auf eine ungeschützte Hochebene. Noch ganz in den Traumtiefen des Prenzlauer Bergs, zwischen Pankow und Schönhauser Allee, bewegen sich dagegen die Prosafragmente und Gedichte, die er 1985, als 19-Jähriger, schrieb und die Zersetzung schon im Titel tragen. „NICHT HIN..S.EH.EN“ steht für die in S-Bahnwaggons angebrachte und oft ausgekratzte Warnung, sich nicht hinauszulehnen. Zwei Gelegenheiten, die Welt mit Augen zu sehen, unter deren Blick sie auch heute noch zerfällt. Gregor Dotzauer

Johannes Jansen: atem holen immerhin ...Text extrem. Karin Kramer Verlag, Berlin 2007. Ca. 100 unpaginierte S., 14,80 €.

Johannes Jansen: NICHT HIN..S.EH.EN. Sequenzen. Mit Zeichnungen von Antje Kahl. Satyr Verlag, Berlin 2007. 75 S., 9,90 €.

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