Kerstin Hensel : Da hört die Jeschichte uff

Sie hat einmal gesagt, ihr Realismus stehe einen halben Meter über dem Erdboden. Kerstin Hensel setzt mit dem barocken Dorfroman "Lärchenau" ihre Geschichtsschreibung mit mythologischem Unterton fort.

Nicole Henneberg

Als grotesker Arztroman wird Kerstin Hensels „Lärchenau“ angekündigt – doch das trifft so wenig zu, wie Kafkas Erzählung „Ein Landarzt“ eine Arztgeschichte ist. Lärchenau liegt eine Fahrstunde von Berlin entfernt, reizvoll in die Landschaft eingebettet; nicht weit von Beeskow entfernt, wo zwei junge Männer 2005 einen Obdachlosen anzündeten. Kerstin Hensel hat Lärchenau erfunden, aber das märkische Dorf wirkt schrecklich authentisch. Es hat, so wird der Leser gewarnt, wenig zu bieten: kein Kriegerdenkmal, keine Feldsteinkirche, kein Storchennest. Allerdings gibt es ein bescheidenes Schloss, das zu DDR-Zeiten als Lagerhalle für Landmaschinen diente und jetzt in neuem Glanz strahlt. Am anderen Ende der Dorfstraße steht eine protzige Villa, die dem Arzt und Genforscher Gunter Konarske gehört, einem berühmten Professor der Berliner Charité.

Der Forscher und seine gelangweilte Frau Adele sind auf den ersten Blick die Hauptfiguren des Romans, der mit der Geburt Konarskes am 6. September 1944 in Lärchenau beginnt und 2007 mit dem Tod Adeles im angrenzenden Wald endet. Die Ereignisse der Weltgeschichte: das Kriegsende, die russische Besatzung, die Gründung der DDR hallen nur als Gerüchte nach. Allerdings bleibt, als die russischen Soldaten das Schloss verlassen, kein einziges Möbelstück zurück. „Da hört sich denn doch die Weltjeschichte uff“, wundern sich die Bauern – womit sie im Zentrum des Romans angekommen sind.

Denn die großen Ereignisse treten im Dorf verkleinert, aber hochgefährlich auf: als wären sie koboldhafte Odradeks, die überall gleichzeitig zu finden sind und immer die schlechteste Lösung herbeizaubern. Kerstin Hensel, 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren und heute Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin, hat einmal gesagt, ihr Realismus stehe einen halben Meter über dem Erdboden. In ihrem neuen Roman hat sie mit einer üppigen, barock anmutenden Erzählweise noch einen halben unterirdischen Meter dazugewonnen. Böse und verführerisch wuchern Sagen und alte Geschichten, unerledigter Streit, Unglücksfälle und irrationale Ängste durch die Jahrzehnte; ein Netz, dessen Kräfte bis in den menschlichen Appetit, die Träume und sexuellen Begierden hinein wirken. Um die Anziehungs- und Abstoßungskräfte dieses Ortes geht es. Pilze gelten seinen Bewohnern als einzig verlässliche Boten für politisches Unheil, die surrealen Prophetien einer betrunkenen Zigeunerin wirken so stimmig, dass sie detailgenau ausgeführt werden, und Konarske, das einzige Lärchenauer Genie, wirkt, als müsste er mit seiner Genforschung korrigieren, was die Natur verpatzt hat. Konarske implantiert Mäusen menschliche Stammzellen, um das Rätsel zu lösen, warum die Dörfler ihr ganzes Leben hier hocken geblieben sind; doch wird auch er dem Ort und seiner Beschränktheit nicht entkommen.

Die wahre Hauptfigur des Romans, vor einem Chor eigenwilliger Stimmen, ist das Dorf selbst. Seine skurrile, herzergreifende und verstörende Geschichte wird so anschaulich, humorvoll und emphatisch erzählt, dass sie dem Leser plastisch im Gedächtnis bleibt. Kein Schweinestall, kein verräuchertes Kneipenzimmer darf in der Betrachtung fehlen, denn diese Gesamtheit bildet den Körper der Welt – mit seiner Schönheit, seinen Zuckungen, seinem Gestank. Wenn Konarske Mäuse umbaut, tut er das in der Hoffnung, ihre unbegreifliche Munterkeit für den Menschen zu retten. Doch bei Menschen dosiert er stets zu hoch und produziert Katastrophen; wie bei seiner Frau, die als verstörtes Wesen endet.

Nach 1989 bekommt die Dorfgeschichte eine tragische Wendung. Angesichts der neuen Freiheit wollen sich die Bewohner unverstellt zeigen. Doch zu Tage treten vor allem ihre Beschädigungen. Etwa in der absurden Episode mit dem „Molch“, einem selbst gebastelten U-Boot, mit dem zwei Starrsinnige der Welt den Krieg erklären und elend umkommen. „Lärchenau“ setzt eindrucksvoll die Geschichtsschreibung mit mythologischem Unterton fort, die schon Hensels letzte Bücher prägte.

Kerstin Hensel: Lärchenau. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2008. 447 S., 19,95 €. – Die Autorin stellt ihr Buch heute um 20 Uhr in der Akademie der Künste am Pariser Platz vor.

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