Klaus Reichert : Fünf Sinne sind mehr als eine Welt

Meister vieler Künste: zum 70. Geburtstag des Philologen und Schriftstellers Klaus Reichert.

Gregor Dotzauer

Wenn jemand die abschätzige Bezeichnung Jack of all trades noch einmal adeln könnte, dann wäre es Klaus Reichert. Er ist nämlich nichts weniger als master of none, wie das Englische den im Deutschen noch viel hirnloser klingenden Hansdampf in allen Gassen charakterisiert. Reichert verkörpert einen intellektuellen Typus, der jede Frage danach, ob es sich bei ihm nun um einen Universalisten oder einen Spezialisten handelt, durch Sachkenntnis und Blick ins Weite ad absurdum führt. Nennen wir ihn einen Mann der Übergänge: zwischen den Sprachen, deren welterschließende Funktion ganz unterschiedliche Denkweisen nahelegt – und zwischen gewöhnlich sorgsam eingehegten Fachgebieten.

Er ist ein Gelehrter, wo ihn seine anglistische Profession dazu gemacht hat, ein Dichter, wo ihn seine Passion beim tiefsten inneren Wort nimmt, und ein Kulturvermittler, der weiß, dass die schönste Erleuchtung nichts hilft, wenn sie nicht unter die Leute kommt: Seit 2002 präsidiert er der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Aber auch das deutet nur an, auf wie vielen Feldern, vom Suhrkamp-Lektorat bis zum Gründer des Frankfurter Zentrums für Frühe Neuzeit, der heute vor 70 Jahren im hessischen Fulda geborene Reichert brilliert.

Nicht zufällig ist sein Leib- und Magenthema das Übersetzen: im handwerklich-praktischen Sinn, der die poetologische Reflexion einschließt und die Deutschen unter anderem mit Charles Olson und Robert Creeley bekannt gemacht hat, aber auch im übertragenen Sinn. Reichert spürt Ähnlichkeiten auf, um sich der Differenzen zu vergewissern.

„Die unendliche Aufgabe“ eines solchen Unternehmens, wie eine seiner Aufsatzsammlungen heißt (Hanser 2003), gewinnt dabei, in bester romantischer Tradition, etwas durchaus Theologisches. Aber was soll man von jemandem erwarten, der Ende der fünfziger Jahre bei Rabbi Lionel Blue in London den Geheimnissen des Talmuds sowie Franz Rosenzweigs Philosophie begegnete und Peter Szondi entscheidende philologische Einsichten verdankt? Man kann überhaupt nur staunen, in welchem Spannungsfeld er sich schon als Student durch die Bekanntschaft mit Erich Fried, Elias Canetti und Günter Eich bewegte: eine éducation sentimentale, die er aufs Schönste im Titelessay seines Buches „Lesenlernen“ (Hanser 2006) untersucht. Sie lässt einen auch ermessen, wie wenig Figuren vom Schlage Reichert noch ausgebrütet werden. Allein das fröhliche Nebeneinander von Homer, Büchner und „Lederstrumpf“ lässt sich kaum mehr denken.

Zum Geburtstag schenken ihm nun 21 Weggefährten die Essaysammlung „Die fünf Sinne – Von unserer Wahrnehmung der Welt“ (Fischer Taschenbuch, 176 S., 9,95 €). In ihr versuchen die Musiker Alfred Brendel und Peter Gülke, Reicherts Neugier gerecht zu werden, ebenso wie die Schriftsteller Friederike Mayröcker und Péter Esterhàzy sowie der Hirnforscher Wolf Singer. 

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