Kleeberg-Roman "Karlmann" : Liebe in den Zeiten von Wimbledon

Michael Kleebergs „Karlmann“erkennt, dass doch nicht jeder alles erreichen kann. Doch vor dieser Erkenntnis steht noch eine lange Odyssee.

Ulrike Baureithel

Wenn es stimmt, dass die Konjunktur bestimmter Sportarten ein gesellschaftlicher Seismograph ist, dann waren die achtziger Jahre ein Wendepunkt. Boris Beckers Wimbledon-Sieg 1985 popularisierte nicht nur eine bis dahin verpönte Elitesportart, im Tennis-Einzel wurde auch vorgeführt, was einen demnächst erwartete. Statt des kollektiven Kampfes in der Mannschaft galt nun Können, Strategie und Nervenstärke eines Einzelnen. Dazu versprach Becker in der Figur des bravourösen Außenseiters allen, die nicht zur Elite gehören, dass jeder es schaffen kann.

An Beckers Entscheidungstag in Wimbledon, setzt Michael Kleebergs Roman „Karlmann“ ein. Ein besonderer Tag auch für Charly (wie gerufen zu werden die Hauptfigur durchgesetzt hat), denn am Morgen hat er Christine das Jawort gegeben. Abends soll der Bund im Rahmen eines Empfangs feierlich besiegelt werden. In der toten Zwischenzeit hockt Charly mit den beiden Intimkumpels Thommy und Kai vor der Glotze und verfolgt, cool und doch atemlos, das Finale Curren-Becker. Mitten im Nervenkrieg von Wimbledon der „Funkkontakt“ ins gutbürgerliche Hamburg-Eimsbüttel: Charly, scheint der neue Messias Becker dem Student der Betriebswirtschaft zu verkünden, „Charly, du kannst die Welt aus den Angeln heben, if you want.“ Schon hier, parallel zum Kamera-Zoom in Wimbledon, kommt die „Methode Kleeberg“ zum Einsatz: von außen ran, ganz nah ans Objekt. Kühl und, wie Charly vor dem Spiegel beim „Versuch, hinter die Haut zu blicken“, im inneren Monolog zwischen „ich“ und „du“, um dem „Einzigartigen“ auf die Spur zu kommen. Später dann, bei der Feier, schwenkt die Kamera ironisch-distanziert über die Versammlung der Hamburger Bürger, zoomt den einen und die andere heran. Um dann wieder ganz interesselos über Gauloises und Humidors zu gleiten, Charlys komplizierte Familienverhältnisse taxierend, die Spielchen, mit denen Hierarchien ausgelotet werden oder die Verhältnisse zwischen Mann und Frau.

Doch ausgerechnet an diesem Tag, an dem sich für Charly das „Spiel mit Millionen Möglichkeiten“ zu eröffnen scheint (zum Beispiel noch schnell die gemeinsame Freundin Ines vögeln), verengen sich die Schicksalsperspektiven. Vater Karl Renn, erfolgreicher und dominanter Außenseiter der Familie, der schon bisher über Charlys Leben verfügte, bietet seinem „Karlmann“ die Geschäftsführung im neu erworbenen Provinz-Autohaus an. Ein eminenter Glücksfall, finden alle außer Christine, die ahnt, dass von den möglichen Drehbuchentwürfen zur Soap „Charly-Christine“ nur ein einziger übrig bleiben wird.

Für die folgenden vier Jahre bis zum Wendejahr 1989 wählt Kleeberg je einen exemplarischen All-Tag aus, an dem Charly ins Fahrtenbuch seines Lebens schaut. Der Oktober 1986 führt an seine neue Arbeitsstätte, das Autohaus, wo der junge Manager nun ein Jahr wirkt, ohne wirklich angekommen zu sein. Der Leser wird Zeuge von Charlys allmorgendlich ausgelebten Versagerängsten und seinem Überdruss, wenn der Tag endlich vorbei ist. Ihm fehlen das „Verkaufsgen“ und die Fähigkeit, Menschen zu führen. Beobachter seiner selbst und seines Lebens, das er als „ständige Generalprobe“ empfindet, durchschaut Charly die Banalität seiner Existenz durchaus, versucht ihm Sinn abzugewinnen, und sei es nur, indem er einen betrügerischen Mitarbeiter überführt – in einem System, in dem jeder jeden betrügt.

Dieses Kapitel – ein Höhepunkt subtil-ironischer Selbst- und Gesellschaftsreflexion – kündigt schon die ersten Entfremdungserscheinungen des Paares an. Und stürzt (Februar ’87) ab in Niederungen, in denen nicht nur Charlys „Unterscheidungsvermögen für Frauen getrübt“ ist, sondern auch das des Autors für das literarisch Verträgliche. Dass der in der Eimsbütteler Idylle gelangweilte und nach Anerkennung strebende Charly in den Armen einer alten Schulfreundin landet und sein Erfinder ihm mit modischen und leider zu ernst genommenen Hirntheorien aus der Affäre hilft: geschenkt. Dass Charly als einer vorgeführt wird, der nicht „vom ich zum du“ seines Gegenübers kommt, sondern auf sein leibliches Tentakel verwiesen bleibt: kein wirkliches „Männergeheimnis“ (auch wenn der Autor uns Frauen das weismachen will). Unverzeihlich aber ist, dass nicht nur Charly sich, sondern auch Kleeberg seine Figuren hier eindeutig zu billig verkauft an das Kameraauge – und seine Leserschaft zu freigebig an die Effekte sexueller Stimulation. Nicht die Art der Fantasien schmerzt, sondern dass sie ästhetisch auf dem Niveau von Soft-Pornos bleiben.

Nach dem furiosen Auftakt in Wimbledon und Norderstedt muss wie Charly auch die Leserschaft enttäuscht und erholungsbedürftig von so viel Schleim zurück nach Eimsbüttel laufen, wo nur noch die Karikatur einstiger Hamburger Größe in Erscheinung tritt. Das Jubiläum (man schreibt nun den November 1988) der untereinander zerstrittenen mittelständischen Juweliersdynastie ist eine gekonnt überzeichnete Persiflage auf „die zweitklassigen Mitglieder erstklassiger Hamburger Familien“ und „die Herren der Kontingenz“. Hier beobachtet Kleeberg alias Charly wieder sehr genau, komprimiert Atmosphärisches und Gesehenes in ein Standbild niedergehender hanseatischer Bürgerlichkeit. Der Hass in der Familie mündet schließlich in eine Destruktionsorgie, der Charly fasziniert und tatenlos beiwohnt.

Wie nicht anders zu erwarten, liegt, als das letzte Kapitel der beiden deutschen Staaten (September 1989) anbricht, auch das Drehbuch „Charly und Christine“ in den letzen Zügen. Wieder einmal muss Charly erkennen, dass er einer ist, der „Genuss nur in der Form der Wiederholung“ erleben kann, nur dass es da schon zu spät ist und ihm nur noch bleibt, Christines ausgetretenen Schuh über den Schwanz zu ziehen.

Kleeberg schildert Betäubung, aufbrechenden Schmerz, Sedierung (bei Muttern, die, statt ihm verbal den Kopf zu waschen, gefühlvoll die Haare wäscht) und Flucht – Befindlichkeits-Cluster, die den nun schon bekannten Wechsel zwischen Außen- und Innenperspektive, erinnerter Vorwegnahme und erzählter Vergangenheit perfektioniert.

Bemüht und im Rahmen des Romans eher sperrig wirken Kleebergs stolz präsentierte Anleihen bei den Neurowissenschaften – und ihre Banalisierung im Hinblick auf Liebe und Sex. Überzeugend dagegen seine Überlegungen zur Musik („das Lied als Zeitskulptur des Augenblicks“ und „Zwischenlager für Emotionsmüll“), die ein längeres Haltbarkeitsdatum beanspruchen dürfen als Poesiealbumsprüche („man baut sich seine Liebe selbst, um in ihr zu wohnen“) oder dem Politjargon entliehene Bilder („Privatpatienten des Lebens“). Kleebergs stolpernde Bindestrich-Prosa – ellenlange Sätze mit Einschüben und Klammern – sind natürlich der Methode nachempfunden, die am überzeugendsten dort ist, wo sie psychologische Stimmigkeit erzeugt.

Vom Ich zum Du zum Man, könnte man Charlys Odyssee skizzieren. In Paris, bei Freund Thommy, geht er nicht nur auf Distanz zu Hamburg, sondern erkennt, dass es noch etwas Objektives, etwas vom Zwischenmenschlichen Unabhängiges geben muss, das „standhält“ für ihn. Denkt es und macht das nächste Serviermädchen an. Charly ist wieder dort, wo er angefangen hat beim Hochzeitsempfang: Ich kann alles, fühlt Charly nach Beckers Match: „alle Frauen vögeln“. Das, lieber Charly, ist denn doch zu wenig, als dass wir wissen wollten, wie es mit dir weiter geht.

Michael Kleeberg: Karlmann. Roman. 470 Seiten. DVA,

München 2007.

470 Seiten, 22,95 €.

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