Kleists Geheimnisse : Die Perücke und der kahle Kopf

Adam Soboczynski geht Heinrich von Kleists Geheimnissen auf den Grund.

Kaspar Renner
Kleist
Die Kunst des Geheimnisses um 1800 -Foto: Promo

Aus marxistischer Perspektive hatte man Heinrich von Kleist einmal vorgeworfen, nichts als ein „reaktionärer, altständischer Junker“ zu sein (Georg Lukács). In gewisser Weise entwickelt Adam Soboczynskis „Versuch über Kleist“ diesen Vorwurf dialektisch fort. Denn seine These ist es, dass sich Kleists Modernität gerade aus seinem Anti-Modernismus speist. In seinen Texten wirke ein voraufklärerischer Diskurs fort, der um die „Kunst der Verstellung“ kreist, wie sie sich in der barocken Hofkultur ausgebildet hat.

So gerät insbesondere das Wortfeld von „Stellung“ (simulatio) und „Verstellung“ (dissimulatio) in Soboczynskis Blick, ein Wortfeld, mithilfe dessen sich etwa die paradoxe Körperlichkeit im „Zerbrochnen Krug“ sehr gut erklären lässt: Wenn sich dort der Dorfrichter Adam die Perücke aufsetzt, so legt sie dessen Blöße gerade dadurch unweigerlich frei, dass sie diese bedeckt.

Eine zweite Perspektive eröffnet Sobosczynski, indem er Kleists Texte in eine Kulturgeschichte des „Geheimnisses“ rückt. Auch hier macht er eine dialektische Bewegung aus: Denn während die Aufklärung ostentativ den Schleier religiöser und politischer Geheimnisse lüftet, schafft sie umgekehrt mit der bürgerlichen Privatsphäre einen Bezirk, der der Öffentlichkeit verborgen ist, und treibt zugleich eine Ausdifferenzierung des Geheimnisses voran: Anwaltsgeheimnisse, Herzensgeheimnisse, Briefgeheimnisse etc. Gerade am Beispiel der „Marquise von O...“ gelingt es Soboczynski überzeugend, diesen Begriff fruchtbar zu machen. Im Mittelpunkt steht dabei jener berühmte Gedankenstrich, den der Graf von F... hier in die Weltliteratur einfügt und mit dem er eine unsägliche Vergewaltigung andeutet. Dieser Gedankenstrich markiert für Soboczynski ein vielfältiges Geheimnis, das „mysterium“ einer göttlichen Offenbarung, aber auch das „secretum“ eines sehr bürgerlichen Schweigens, schließlich und vor allem eine Grenze literarischer Darstellbarkeit. Soboczynski will auf nichts weniger hinaus als das, was man eine „Poetologie der Verstellung“ bei Kleist nennen könnte.

Adam Soboczynski: Versuch über Kleist. Die Kunst des Geheimnisses um 1800. Matthes & Seitz, Berlin 2007. 320 S., 28, 90 €.

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