Knut Hamsun : Der schwarze Turm von Hamarøy

Ewig umstrittenes Genie: Zum 150. Geburtstag des norwegischen Erzählers Knut Hamsun.

Katrin Hillgruber
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Modernität und ideologische Verhärtung. Knut Hamsun (4. 8. 1859-19. 2. 1952) -Foto: dpa

Düster und eckig steht der Hamsun-Turm in der Fjordlandschaft. Sein opakes Schwarz verweigert sich den polaren Irrlichtern als Projektionsfläche, so wie Knut Hamsuns erratisches Werk mannigfache philologische und biographische Deutungen an sich abprallen lässt. In Hamarøy, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises am Lofotenmeer, wuchs der Mitbegründer der literarischen Moderne als viertes von sechs Kindern des Schneiders und Kleinbauern Per Pedersen Skultbakken in bedrängten Verhältnissen auf. Die Familie war aus Lom im Südwesten ins Nordland gezogen, wo ein reicher Verwandter der Mutter lebte. Mit vierzehn wurde Knut gegen seinen Willen in die Obhut des gestrengen Onkels gegeben. Dieser litt unter Parkinson und bediente sich seines hochgewachsenen Neffen mit der kastanienbraunen Haartolle wie eines Knechtes.

Möglicherweise hat dieses frühe Trauma einen Hang zu irrationaler Bosheit und jäher Grausamkeit befördert, die sich in vielen Texten Hamsuns findet, etwa in der Vignette „Eine ganz gewöhnliche Fliege mittlerer Größe“. Darin erschlägt der Ich-Erzähler, wie so oft ein freier Schreiberling, eine ihm als Haustier liebgewordene Stubenfliege mit dem Lineal, als das Insekt einen „Liebhaber“ mitbringt. Stoff für Träume und Abenteuer suchte sich der fantasievolle Junge heimlich in des Onkels Bibliothek. „Nun habe ich mir zum Vergnügen alles niedergeschrieben und mich so gut amüsiert, wie ich konnte“, lässt er den wunderlich-launischen Leutnant Thomas Glahn in „Pan“ resümieren: „Kein Kummer bedrückt mich, ich sehne mich nur fort, wohin, weiß ich nicht, aber weit fort, vielleicht nach Afrika, nach Indien. Denn ich gehöre den Wäldern und der Einsamkeit.“

Nach einer abgebrochenen Schuhmacherlehre – immer wieder richtet sich der Blick des Erzählers auf das meist dürftige Schuhwerk der Protagonisten – und diversen Handelstätigkeiten nahm der 20-Jährige seinen ganzen Mut zusammen und schrieb dem mächtigen „Fjordlord“ einen Brief. Darin annoncierte er seinen unbedingten Wunsch, Schriftsteller zu werden. Er bat den reichen Kaufmann um die damals gewaltige Summe von 1600 Kronen, um ins geistige Zentrum Kopenhagen zu reisen.

Die Bitte wurde ihm gewährt. Hamsun verwendete das Geld anderweitig, doch der Berufswunsch des Autodidakten und radikalen Individualisten erfüllte sich trotzdem. Mit „Hunger“ wurde er 1890 berühmt. Er nannte sich nun endgültig Hamsun und wurde zum Vorbild unter anderem für James Joyce, Ernest Hemingway und Thomas Mann.

„Hier liegt etwas in der Natur, das auch von uns das Außerordentliche fordert“, beschrieb Hamsuns Idol Bjørnstjerne Bjørnson, der bäuerlich-völkisch gesinnte Textdichter der Nationalhymne, das Nordland. Erst 1905 war Norwegen aus der Union mit Schweden entlassen worden. Die Idee, in dieser kargen Landschaft, deren unvergleichlichen Zauber Knut Hamsun in „Pan“ einfing, einen Turm zu seinen Ehren zu errichten, stammt von dem New Yorker Architekten Steven Holl.

Das Bauwerk inklusive Lesesaal und Café markiert den Höhepunkt des Hamsun-Jubiläumsjahres, das unter Schirmherrschaft von Kronprinzessin Mette-Marit steht. Doch der neben Henrik Ibsen bedeutendste Schriftsteller Norwegens ist als Propagandist des Nationalsozialismus und wegen seiner Kollaboration mit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs in seiner Heimat nach wie vor geächtet. Eifrige ideologische Mitstreiterin war seine zweite Frau Marie, mit der ihn eine Hassliebe verband. Per Olov Enquist unterstellte ihr in seiner Filmerzählung „Hamsun“ eine erhebliche Mitschuld. Den greisen Autor unter psychiatrischer Aufsicht zitiert er dagegen mit den resignativen Worten: „Die Meisterwerke vertragen sozusagen meine Anwesenheit nicht.“

Es ist diese Diskrepanz zwischen dem überragenden, zeitlos modernen Lebenswerk Hamsuns und seiner politischen Verstrickung, die nicht nur Bewunderer wie Thomas Mann ratlos machte und bei jüngeren norwegischen Autoren wie Jan Kjærstad zu einem „Hamsun-Komplex“ führte. Anarchistischer Eigensinn prägt das Frühwerk wie die verstörende Burleske „Geheimes Weh“. Darin wird der junge Ich-Erzähler nach Art eines Teufelspaktes an mehreren Orten Europas von ein- und demselben bleichen Mann und dessen grotesken, halb legalen Streichen heimgesucht.

Diese Haltung wich ab Hamsuns Fünfzigern – den Jahren des „Gedämpften Saitenspiels“ – einer kaum nachvollziehbaren ideologischen Verhärtung. Zeitlebens hegte er einen abstrusen Hass auf England und alles Angelsächsische. Das hinderte ihn nicht daran, zweimal auf der Suche nach Arbeit und Abenteuern in die als geistlos und kapitalistisch gegeißelten Vereinigten Staaten auszuwandern. Obwohl sich Knut Hamsun als „Norweger und Deutscher“ empfand, korrespondierte er mit Vertretern „Pangermaniens“ auf Englisch.

Die Ironie der Geschichte will es, dass die bisher beste Hamsun-Biographie von dem Briten Robert Ferguson stammt („Knut Hamsun“, 1987). Darin ist unter anderem der Besuch des Autors bei Hitler auf dem Obersalzberg im Juni 1943 dokumentiert. Der schwerhörige knapp 84-Jährige wagte es, dem Diktator zu widersprechen, woraufhin dieser das Gespräch wütend abbrach. Ferguson zitiert Marie über die Bemühungen, zwischen dem Menschen und dem Schriftsteller Hamsun zu unterscheiden: Es sei „wie das Abschälen einer Zwiebel auf der Suche nach dem süß schmeckenden Inneren. Ich glaube, es würde einem dabei so ergehen, wie jenem Zwiebelschäler, der am Ende mit leeren Händen dasaß.“

Ein einziger Platz wurde bisher nach dem Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1920 benannt (er erhielt ihn für den Bauernroman „Segen der Erde“). Er befindet sich in der Kleinstadt Grimstad, und zwar ausgerechnet vor dem Gerichtsgebäude, in dem Hamsun ab 1947 wegen Landesverrats der Prozess gemacht wurde. Zwar wurde er, der einen glühenden Nachruf auf Hitler publizierte und Goebbels nach einem Besuch in Berlin untertänigst seine Nobelpreis-Medaille schenkte, vom Vorwurf der NS-Mitgliedschaft freigesprochen. Die verhängte Geldstrafe ruinierte den 89-Jährigen jedoch. So starb der fünffache Vater am 19. Februar 1952 ähnlich arm, wie er geboren worden war.

Steven Holl ließ sich zu seinem schwarzen Turm in den Fjorden von der Hauptfigur des Romans „Mysterien“ inspirieren, dem gelbgewandeten Sonderling Johan Nils Nagel – „en gal“ heißt auf Norwegisch „ein Verrückter“. Der merkwürdige Agronom verdreht den Frauen in einer kleinen Küstenstadt den Kopf, um sich schließlich ins Meer zu stürzen. Eines Nachts trifft er im Wald auf einen „schwarzen, achteckigen Turm, wie der Turm der Winde in Athen… Ich stehe vor diesem Turm, ich höre ein: Komm! Und ich gehe hinein.“

Eine ähnlich magische Anziehungskraft geht auch heute noch von Knut Hamsuns drei großen Romanen „Hunger“, „Mysterien“ und „Pan“ aus, die in den Jahren 1890 bis 1894 erschienen und nun in neuen Übersetzungen vorliegen. Unbedingt empfehlenswert sind auch die gesammelten Erzählungen „Die Königin von Saba“, die Aldo Keel (mit Ingeborg Keel) ebenso wie „Pan“ neu übertrug und kundig kommentierte. Siegfried Weibels zwanghafte Modernisierung der „Hunger“-Übersetzung von Julius Sandmeier und Sophie Angermann enttäuscht dagegen, denn sie verwandelt ein elegantes Deutsch in ein recht plumpes. Das hat das fiebrige prä-existenzialistische Meisterwerk „Hunger“, Hamsuns Abrechnung mit Kristiania alias Oslo, nicht verdient.

Gemäß seiner Schrift „Vom unbewussten Seelenleben“ macht Hamsun in seinem Frühwerk das Innere seiner Helden zur narrativen Kraft. Ihre Leidenschaften und erotischen Schwächen, die Irrwege des menschlichen Verstandes schlechthin bestimmen die Handlung, kontrastiert durch sagenhafte Landschaftsschilderungen. Nagel & Co. sind „Ausländer des Daseins“, deren unmotivierten Taten man umso gebannter folgt. Im Englischen bedeutet „knut“ dasselbe wie „nut“: verrückt. Vom „Old King Knut“ sprach in diesem Sinne James Joyce. Klaus Theweleit wiederum widmete sich in seinem kulturphilosophischen „Buch der Könige“ der „deutsch-norwegischen Thronunion der ‚förer'' Adolf und Knut, beide die I. (und letzten) ihrer Dynastien“. Dieser Widerspruch bleibt unauflösbar, so wie Knut Hamsuns Abenteuerfahrten in die Abgründe der Seele immer wieder neue Leser fesseln werden.

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