Kolja Mensings : Kalte Welt

Kolja Mensings Erzählungen „Minibar“ beschreiben nüchtern den kleinbürgerlichen Traum - aber die Enge steckt in jedem Wort.

Jean-Michel Berg

Dreißig, aber sie hatten das Gefühl, ganz am Anfang ihres Lebens zu stehen“, heißt es in einer von Kolja Mensings Erzählungen. Man ahnt schon: Das Gefühl trügt. So ist es in Mensings Erzählband „Minibar“ meistens. Erwartungen gibt es nur, um enttäuscht zu werden. Schon die Hochzeit in einem „Hotel mit Saalbetrieb“ deutet das trockene Leben an, das das Paar erwartet: Möbel auf Abzahlung, ein Haus in einer Neubausiedlung, in einem Vorort am Rand der Autobahn. Aber: „Sie bereuten es nicht. Mit dem Wagen brauchten sie eine knappe Stunde zur Arbeit, auf keinen Fall länger als die meisten ihrer Kollegen, und im Sommer saßen sie nach dem Abendessen auf der kleinen Terrasse und sahen die Sonne über dem Feld hinter ihrem Haus untergehen.“ Ohne Kommentar, nüchtern wie eine Zeitungsmeldung schildert Mensing den kleinbürgerlichen Traum – aber die Enge steckt in jedem Wort.

Der Kleinbürger ist bei Mensing keine gesellschaftliche Schicht, über die er sich lustig macht, sondern eine Seinsform jedes Erwachsenen, die unheilvolle Liaison von Beruf, Familie und Eigenheim. Sobald klar wird, dass man nichts mehr zu erwarten hat, legt man sich eben ein Hobby zu, interessiert sich für Archäologie oder Geschichte. Und dann? Nichts. Höchstens noch ein kurzer Schwindel, wenn der Abgrund der inneren Leere doch mal aufscheint. Aber man reißt sich zusammen und sagt: „Uns geht es gut.“ Und wegen des Schwindels geht man zum Arzt. Oder fängt an zu trinken. Archäologen sind die meisten der vielen namenlosen Protagonisten, ihr Grabungsfeld ist die Erinnerung. Eine Vergangenheit hat schließlich jeder, eine Zukunft eigentlich keiner.

Dreißig kurze Erzählungen dieser Art hat der 1971 geborene Kolja Mensing in „Minibar“ gesammelt. Sie alle haben eine unausweichliche Dynamik ins Nichts. Vom ersten Wort an geht es nur noch bergab. Jede Erwartung, die der erste Satz schürt, wird konsequent enttäuscht. Keine Steigerung, kein Höhepunkt. „Schließlich kam er zurück“, heißt es zu Beginn von „Staub“ über einen alten Bekannten, aber dessen Leben wird dann nur kurz gestreift. Stattdessen erinnert sich der Erzähler an eine ehemalige Sommeraffäre, einer der raren Glücksmomente. Kein Wort mehr über den alten Bekannten, und zu einer späteren Fortsetzung der Affäre heißt es bloß: „Noch einmal versuchten wir ein Liebespaar zu werden. Diesmal endete es richtig schlimm.“ Selbst für einen ordentlichen Tiefpunkt reicht es nicht. Das wäre zu viel Dramatik, eine Überbewertung dieses Lebens, das aus bloßen Nebensächlichkeiten besteht.

Erst passiert nichts, und wenn doch, dann nichts Gutes. Jenseits der Kleinfamilie, in den Hochhaussiedlungen und auf den Dörfern ist das Elend noch größer. Der Tonfall bleibt gleich ungerührt, ja entfremdet. Alkohol, Arbeitslosigkeit, Armut, vergessene Leiche in der Wohnung, Autounfall – tja, so ist es halt eben. Hoffnung? Keine. Ausweg? Der Tod.

Nur einer Person gelingt die Flucht. Um frische Luft zu schnappen, verlässt eine junge Frau nach dem Abendessen das Haus. Als sie am nächsten Tag zurückkommt, hat sie aufgehört zu sprechen. Ihr Freund fragt nicht nach, irgendwann zieht sie einfach aus. Diese Unfähigkeit, miteinander zu reden, diese soziale Kälte durchweht den ganzen Band. Die Toten haben es da besser, lernt der Erzähler schon als Kind vom Vater. Dessen Gute-Nacht-Geschichte von der tragischen Südpolexpedition Scotts ist eine düstere Glücksvision im Eis. Weil sie versucht hätten, sich gegenseitig zu wärmen, fand man die Leichen der gescheiterten Polarforscher Arm in Arm eingefroren.

Die Welt in „Minibar“ ist eine Kühlschrankwelt – der sonst so unpassend poppig-loungige Buchtitel trifft es gut. So kalt, dass der Vater schon den zehnjährigen Sohn fragt, wie er einmal begraben werden wolle.

Kolja Mensing:

Minibar. Kurze Erzählungen. Verbrecher Verlag, Berlin 2007. 127 Seiten, 13 €.

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