Kopetzky-Roman "Der letzte Dieb" : Schlösser knacken

Gelehrt, geistreich und leidenschaftlich erzählt: Steffen Kopetzkys Roman „Der letzte Dieb“

Ulrich Rüdenauer

Steffen Kopetzkys neuer Roman „Der letzte Dieb“ beginnt in Monte Carlo, das einem so mondän und technicolor-bunt erscheint wie Nizza in Hitchcocks „To Catch a Thief“. Und die Geschichte endet unterirdisch mit einem gehörig aufgeblähten und explosiven Showdown, der einen in verwirrende Kanalsysteme führt – gleich, denkt man, biegt Orson Welles um die Ecke, auch wenn wir nicht im Wiener, sondern im Berliner Untergrund durch den Geschichtsschlamm waten. Dazwischen kommt alles vor, was auch in einem James-Bond-Film nicht fehlen darf: Ehrliche Gauner, gerissene Geschäftsleute, unglückliche Künstler, ehemalige Agenten, Ost und West, geheime Aufträge und noch geheimere Pläne von Schätzen, hinter denen gleich mehrere undurchsichtige Gestalten her sind.

Der Held in diesem Kaleidoskop der Kolportage heißt Alexander Salem, ein gefallener Student und Barkeeper, der sich sein Geld mit raffinierten Diebstählen verdient. Schlösser sind für ihn kein Problem, sondern Herausforderungen. Die Begabung als Panzerknacker liegt in der Familie – der Großvater arbeitete bereits als Schlosser, und in Rückblenden werden wir bis weit zurück in die zwanziger Jahre und natürlich bis an die Abgründe der deutschen Geschichte geleitet. So erfahren wir auch, woher der seltene Name Salem kommt (von der Zigarettenmarke) und wie dem Enkel das erste Mal ein Dietrich in die Hände fällt.

Der Großteil des Romans aber spielt in der Gegenwart: Alexander Salem lebt in Paris, ist gut im Geschäft, entdeckt an sich aber etwas Beunruhigendes – die Leichtigkeit und Skrupellosigkeit, die ihn immer ausgezeichnet hat, ist verschwunden. Die Dinge fangen an, schief zu gehen: „Er schnappte erschrocken nach Luft, da er jene beklemmende Enge zurückkehren fühlte, die ihn im Keller von Monte Carlo fast erstickt hätte, ansatzlos, wie ein gefedertes Vieh ließ sich die Angst erneut auf seinen starren Schultern nieder, ein Flüstern von sich gebend, das ihn umschlang und unnachgiebig sein Herz zu kneten begann. Angst. Die Angst war zurück. Musste sofort etwas tun. Einen neuen Ausweg suchen. Etwas unternehmen. Jetzt.“ Um eine Verschnaufpause einlegen zu können und seine Wunden zu lecken, quartiert er sich bei seinen Eltern in Berlin ein. Da aber kommt ihm ein weiterer Auftrag dazwischen, den er ungern ablehnen möchte: In den Katakomben der Stadt liegt angeblich ein archäologisch bedeutsamer Schatz, genau unter dem Flughafen Tempelhof. Komplexe Wegesysteme im Berliner Untergrund müssen durchschritten und einige Türen geknackt werden, um an ihn heranzukommen. Zwei Amerikaner, der eine ein bekannter Groschenromanschreiber und der andere sein Freund, wollen diesen Schatz in ihren Besitz bekommen – vorgeblich, um der Inspiration des schreibblockierten Schriftstellers auf die Sprünge zu helfen. Eine ehemalige Spionin, die aus der Kälte kam und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks neue Tätigkeitsfelder erschließt, ist den beiden behilflich. Hinzu kommt weiteres Personal, das die Sache stetig aus dem Ruder laufen lässt.

Alexander Salem sieht diesen Job als seinen letzten an, denn als er bei seinen Eltern wieder aus- und in eine Neuköllner Wohnung zur Zwischenmiete einzieht, begegnet er einer jungen Frau. Die Liebe macht aus dem größten Solitär einen Romantiker, woraus folgt: Der Dieb möchte seinen letzten Diebstahl begehen. So ein semibürgerliches Leben im Kiez wär'' doch was.

Ja, das wär'' was. Aber was ist mit diesem Roman? Nun, erst einmal: Bescheidenheit ist Steffen Kopetzkys Sache nicht. Seine Bücher sind Manifestationen der überbordenden Leidenschaft nicht nur Geschichten zu erzählen, sondern diese auch mit allerhand Gelehrtem zu unterfüttern. Zitatpop in jeder Zeile. Der 37-jährige Kopetzky, der als Dandy in Berlin den Literaturbetrieb geentert hat und heute in seinem Heimatort Pfaffenhofen für die SPD im Stadtrat sitzt, möchte sein Publikum unterhalten und gleichzeitig nichts Angelesenes verschenken; ausführliche Exkurse zu den Grimaldis oder zur Schließtechnik zeugen davon.

In seinem letzten großen Streich „Grand Tour“ schickte der sprachbewusste Autor seine Figuren über die weiten Schienennetze ganz Europas; nun plagen sie sich mit Schloss und Riegel herum. Wer in diesen Roman hineingerät, findet immer wieder verschlossene Türen vor, die dann nach und nach geöffnet werden – eine überaus solide handwerkliche Leistung. Das suggeriert freilich, es gäbe auch etwas zu entschlüsseln oder zumindest zu entdecken. Das Problem ist nur, dass der Aufwand zwar enorm ist, der Schatz aber dann doch nicht für die Mühen entschädigt. Das gilt im Übrigen für die Figuren wie für den Leser. Könnte die Geschichte einen nur so fesseln wie die Biologin den Dieb! Aber man wünscht sich doch lieber ins Kino, wo wenigstens der Bildungsballast auf ein Mindestmaß reduziert wäre. Steffen Kopetzky hatte bei seinem neuen Buch, wie er kürzlich zu Protokoll gab, Patricia Highsmith im Sinn; herausgekommen ist gerade mal ein besserer Ian Fleming.

Steffen Kopetzky: Der letzte Dieb. Roman. Luchterhand Verlag, München 2008, 474 Seiten, 19,95 €.

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