Kreuzberg-Krimi : Dumm von der Seite

Jakob Arjounis Kreuzberg-Krimi "Der heilige Eddy" - der Autor hat das Talent, aberwitzige Szenen eine geradezu filmische Anschaulichkeit zu geben. Doch ganz kriegt er die erzählerische Kurve nicht hin.

Nadine Lange

Leichen sind eigentlich nicht seine Liga. Ein gepflegter Trickdiebstahl oder ein hübscher Kreditkartenmissbrauch – immer gerne. Doch für mehr ist Eddy Stein nicht zu haben. Es war schließlich mühsam genug, sich als Kleinkrimineller mit einer Deckidentität als Straßenmusiker in Berlin zu etablieren. Dieser Status gerät in Gefahr, als Eddy zufällig Horst König im Hausflur seiner Kreuzberger Wohnung begegnet. Der Mann ist mit einer Bratwurstkette in den USA zum Millionär geworden und macht sich nun in seiner Heimatstadt durch die Abwicklung eines Deo-Werkes unbeliebt. Eddy labert den Wurst-König ein bisschen dumm von der Seite an, provoziert ihn eher versehentlich und wird Zeuge seines zufälligen Unfalltodes.

Wie es Stein in einer aberwitzigen Aktion gelingt, den toten Unternehmer an seinen vor dem Haus postierten Bodyguards vorbeizuschmuggeln, ist einer der Höhepunkte von Jakob Arjounis neuem Roman. Der mit seinen in Frankfurt spielenden Kemal-Kayankaya-Krimis bekannt gewordene Autor hat das Talent, solchen Szenen eine geradezu filmische Anschaulichkeit zu geben. Das gleiche gilt für seine mit groben Strichen gezeichnete Typencharakterisierung. Gehässig dagegen ist die Schilderung von Eddys linksalternativem Milieu in Kreuzberg. Da tönen nachts schon mal Bob-Dylan- und Rolling-Stones-Lieder durch die Hinterhöfe, und da werden den CDU-Kandidaten auf den Wahlplakaten heimlich Hitlerbärtchen angemalt.

Der flüssige, elegante Erzählstrom gerät dann allerdings etwa in der Mitte des Romans in weniger plausible Regionen: Bei Eddy Stein regt sich das Gewissen. Er will Königs Tochter Romy, die er überhaupt nicht kennt, unbedingt erklären wie ihr Vater ums Leben gekommen ist. Sie soll nicht die wilden Spekulationen der Boulevardpresse glauben. Diese plötzliche Wendung von Eddy Stein ist angesichts seiner zuvor geschilderten Skrupellosigkeit und seines ausgeprägten Selbsterhaltungstriebes schwer nachvollziehbar.

Jakob Arjouni hatte sich wohl partout eine Liebesgeschichte in den Kopf gesetzt. Der erste wunderbar absurde Dialog zwischen Romy und Eddy hilft zunächst über diese Irritation hinweg. Doch seinen Drive verliert „Der heilige Eddy“ in der zweiten Hälfte unrettbar.

Jakob Arjouni: Der heilige Eddy. Diogenes Verlag. Zürich 2009. 256 S., 18,90 €

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