Literatur : Krieger wurden Konsumenten

Ende der Gewalt: Der US-Historiker James Sheehan beschreibt Europas langen Weg zum Frieden

Dominik Geppert

Kaum noch jemand kennt heute Ralph Lane. Dabei war der Brite unter seinem Pseudonym Norman Angell einmal so etwas wie eine internationale Berühmtheit: Bestsellerautor und Galionsfigur des Pazifismus, Parlamentsabgeordneter und Friedensnobelpreisträger. Seine Popularität verdankte er einem Buch, das zunächst unter dem Titel „Europas optische Täuschung“ erschien, aber erst in der zweiten Auflage unter der leicht veränderten Überschrift „Die große Illusion“ ein weltweiter Kassenschlager wurde: mit sechs englischen Auflagen innerhalb von drei Jahren, mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren und Übersetzungen in 25 Sprachen. Moderne Kriege, so lautete Angells zentrale These, waren wirtschaftlich unvernünftig. Die Herausbildung eines Weltmarktes und die Ausweitung der Arbeitsteilung in globalen Dimensionen müssten zwangsläufig zu einem Rückgang zwischenstaatlicher Konflikte führen, weil kriegerische Mittel unter diesen Umständen keinen ökonomischen Erfolg versprachen, sondern im Gegenteil den Volkswirtschaften aller Beteiligten – ob Sieger oder Besiegte – schaden würden.

Dass der Brite weitgehend in Vergessenheit geriet, lag nicht zuletzt am schlechten Timing seiner Botschaft. Sein Bestseller erschien am Vorabend des Ersten Weltkrieges zu Beginn einer mehr als dreißigjährigen Epoche exzessiver Gewalt und irrational übersteigerter Nationalismen. Den Nobelpreis erhielt er im Jahr der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, in deren rassistischer Ideologie kein Platz war für Angells Vorstellungswelt pragmatischer Vernunft, besonnener Kompromisse und vertraglicher Übereinkünfte unter dem Primat von Produktion und Konsum. Knapp 100 Jahre nach der Veröffentlichung der „Großen Illusion“ behauptet nun der Historiker James Sheehan, Präsident der „American Historical Association“, langjähriger Professor an der Stanford Universität und glänzender Kenner der europäischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert, Angell habe recht gehabt: nicht kurzfristig, aber auf lange Sicht, nicht weltweit, aber mit Blick auf Europa nach 1945.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so Sheehans Kernthese, seien die europäischen Staaten durch und für den Krieg entstanden – den Krieg, auf den sie sich vor 1914 vorbereiteten, und die beiden Weltkriege, die sie bis 1945 führten. In der zweiten Jahrhunderthälfte dagegen seien sie durch und für den Frieden umgegründet worden: „Der Niedergang des Willens und der Fähigkeit zur Gewaltanwendung, die einmal so zentral für die Staatlichkeit waren, hat eine neue Art von europäischen Staat geschaffen, der fest in neuen Formen der öffentlichen und privaten Identität verankert ist.“ Wie Angell führt Sheehan die Transformation europäischer Staatlichkeit auf die Überzeugungskraft ökonomischer Rationalität zurück. Die EU, so argumentiert er, braucht heute keine Bürger, die bereit sind zu töten, sondern nur „Konsumenten und Produzenten, die anerkennen, dass die Gemeinschaft ihren Interessen dient und ihr individuelles Wohl steigert“.

Anders als der Brite sieht der Amerikaner aber nicht nur die pazifierende Macht der Märkte am Werk, sondern auch politische Zwänge. Im Kalten Krieg hätten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion eine auf nuklearer Vernichtungsdrohung beruhende Ordnung der Stabilität und Passivität oktroyiert, die den Europäern schließlich in Fleisch und Blut übergegangen sei – nicht zuletzt deswegen, weil sie sich im Einklang befand mit den kulturellen Lernprozessen aus zwei verheerenden Weltkriegen. Nicht mehr Kriegsbereitschaft, nationale Größe und imperiale Machtentfaltung sind laut Sheehan seither die Ziele der europäischen Gesellschaften und ihrer Staaten, sondern Wirtschaftswachstum und Wohlstand, technologischer Fortschritt, soziale Stabilität und Friedenswahrung. Diese Schwerpunktverlagerung ermöglichte es ihnen, die Militärausgaben drastisch zu verringern: Zwischen 1985 und 1999 etwa sank das französische Verteidigungsbudget um sieben, das deutsche um fünfzehn und das britische um vierzig Prozent. Dieser Reduktion der Verteidigungskapazitäten korrespondiert ein Rückgang der Kampfbereitschaft. Sheehan zitiert eine Umfrage des German Marshall Fund aus dem Jahr 2003, der zufolge 55 Prozent der Amerikaner, aber nur zwölf Prozent der Deutschen und Franzosen glaubten, dass Krieg unter bestimmten Bedingungen notwendig sei, um Gerechtigkeit herzustellen.

Diese Ideen sind nicht völlig neu. Der amerikanische Publizist Robert Kagan hat schon vor Jahren auf die gegensätzliche Weltsicht von Amerikanern und Europäern in Kriegsdingen hingewiesen und die EU dafür kritisiert, auf Kosten der USA in einem posthistorischen Paradies zu leben. Sheehan übernimmt Kagans Prämisse, die Amerikaner kämen vom Mars und Europa von der Venus, und wendet sie ins Positive, indem er ihr historische Tiefenschärfe verleiht. Anders als in Amerika habe sich in Europa das Leiden der beiden Weltkriege tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. In der Schilderung der europäischen Gewaltgeschichte vor 1945, die gut zwei Drittel des Buches einnimmt, zeigt Sheehan seine Meisterschaft als Historiker, der souverän die zahlreichen europäischen Nationalgeschichten überschaut, unerwartete Gemeinsamkeiten hervorhebt, trotzdem Differenzen nicht verwischt und große Entwicklungslinien oft durch ein repräsentatives Detail erhellt – etwa das Scheitern von Hitlers Überfall auf die Sowjetunion mit dem Hinweis, die deutschen Invasoren hätten im Juni 1941 nur 3350 Panzer besessen, aber 650 000 Pferde.

Demgegenüber fällt das letzte Drittel etwas ab, teils weil Westeuropas Umgestaltung nach 1945 durch Nato und europäische Integration eher konventionell erzählt wird, teils weil die Interpretation der sowjetischen Hegemonie im östlichen Europa nicht recht überzeugt. Auch wenn man Sheehan zugesteht, dass die gewaltfreie Implosion des sowjetischen Imperiums erklärungsbedürftig ist, passen weder der Zwangscharakter der bolschewistischen Herrschaft noch Moskaus militärische Interventionen in der DDR 1953, in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968 sonderlich gut zur These eines Kontinents auf dem langen Weg zum Frieden. Wenn der Krieg nach 1945 im Westen wie im Osten des geteilten Kontinents weitgehend verschwand, so geschah das unter ungleichen Vorzeichen und mit verschiedenartigen Konsequenzen für die Gegenwart. Der Wiederaufstieg Europas wird im Osten nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs identifiziert, sondern mit dem Untergang der UdSSR. Entsprechend weniger Strahlkraft hat dort vielfach die Idee eines „zivilen Staates“ ohne militärische Zähne.

Die im Vorfeld des Irakkriegs deutlich gewordene Scheidelinie zwischen „altem“ und „neuem“ Europa hatte auch mit derart gegensätzlichen historischen Wahrnehmungsmustern zu tun. Im Kern geht es um die Frage, inwieweit Europa im Innern nach anderen Regeln funktionieren soll als in seinen Beziehungen zum Rest der Welt. Kann es sich allein auf seine ökonomische Stärke, kulturelle Attraktion und den Vorbildcharakter seiner Institutionen verlassen, um andere Länder positiv zu beeinflussen – so wie in den 70er Jahren Griechenland, Spanien und Portugal und Ostmitteleuropa 15 Jahre später? Oder werden Europas Staaten in Zukunft auch militärisch immer stärker gefordert sein: auf dem Balkan oder im Kaukasus, in Zentralasien oder Afrika? Und wie sind sie für derartige Herausforderungen gewappnet, da ihre Identität nach 1945 doch, wie Sheehan schreibt, „vor allem anderen auf der Ablehnung des Krieges als Mittel der Politik gegründet“ ist? Auf diese Fragen bleibt der Autor eine befriedigende Antwort schuldig. In Norman Angells eurozentrischer Sichtweise bedeutete die Pazifizierung Europas zugleich den Frieden der Welt. Denkt man hingegen Sheehans Argument weiter, dann steht Europa als Insel der Seligen im globalen Meer von Krieg und Gewalt nicht am Ende aller Probleme, sondern am Anfang neuer Schwierigkeiten.







– James Sheehan:
Kontinent der Gewalt. Europas langer Weg zum Frieden. C.H. Beck Verlag, München 2008. 315 Seiten, 24,90 Euro

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