Kriminalromane : Tatort Gaza

Wie ein Lehrer in Palästina das Verbrechen jagt: Die Kriminalromane von Matt Beynon Rees bestechen durch die genaue Schilderung einer Region, von der viele wenig bis gar nichts wissen.

Gerrit Bartels
Rees
Matt Beynon Rees -Foto: Blumenfeldt

Omar Jussuf ist nicht gerade der typische Ermittler in einem klassischen Kriminalroman. Er ist im Hauptberuf Geschichtslehrer und Direktor einer Mädchenschule in einem palästinensischen Flüchtlingslager bei Bethlehem. Zudem ist er nicht mehr der Jüngste mit seinen herabhängenden Schultern, dem weißen Haar, der leberbefleckten kahlen Stirn und dem grauen Schnurrbart. Und in Gaza, seinem Einsatzort, wo er die UNO-Schulen in den Flüchtlingslagern inspizieren soll, war er seit zwanzig Jahren nicht mehr. „In Gaza ist nichts, wie es zu sein scheint“, wird er gewarnt, als er von der Entführung eines UNO-Schullehrers erfährt: „Die Wahrheit liegt tief unter der Oberfläche. Man kann nicht abschätzen, wie tief das ist, aber mit Sicherheit wirst du auf weitere Opfer und mehr Verbrechen stoßen. Du kannst nicht alle Verbrechen in Gaza aufklären.“

Wie Omar Jussuf entspricht auch sein Erfinder, der britische Journalist Matt Beynon Rees, nicht dem Klischee des typischen Kriminalschriftstellers, der seine Fälle etwa im schottischen Hochmoor oder den Suburbs von Leeds ansiedelt. Rees, 1967 in South Wales geboren, ging Mitte der neunziger Jahre als Reporter nach Jerusalem und wurde später Bürochef des „Time“–Magazine. Nachdem er mit „Cain’ s Field“ zuerst ein Sachbuch über „Religion, Brudermord und Angst im Nahen Osten“ geschrieben hatte, verlegte er sich auf das Verfassen von Kriminalromanen mit dem Schauplatz Naher Osten. Nach „Der Verräter von Bethlehem“, Omar Jussufs erstem Fall, im Original 2006 veröffentlicht, erscheint nun in deutscher Übersetzung „Ein Grab in Gaza“, wegen des Gaza-Krieges einige Wochen früher als geplant.

Die Qualität von Rees’ Romanen liegt nicht in verzwickt oder dramaturgisch spannend ausgelegten Handlungsfäden. Sondern vielmehr in der genauen Schilderung einer Region mitsamt ihren Bewohnern, von deren Alltag der durchschnittliche, meist nur über Kriegsverläufe oder ewig vergeblich verlaufende Friedensverhandlungen informierte Fernsehzuschauer wenig bis gar nichts weiß.

Wiewohl selbst palästinensischer Flüchtling, ist Rees’ Held Omar Jussuf weit davon entfernt, den Kampf der Palästinenser gegen Israel über die Maßen zu heroisieren oder diesem blind zu folgen. Im Gegenteil: In seinem Untericht versucht er, gängige Klischees von den Arabern als Opfer als solche zu entlarven und die üblichen hasserfüllten, abgedroschenen Phasen zu widerlegen. Da passiert es ihm schon mal, dass er Märtyrerbrigaden als Gangster bezeichnet oder er Selbstmordattentate verurteilt: „Heutzutage ist es politisch korrekt, sich in einer Ansammlung von Zivilisten in die Luft zu sprengen“, fährt er einen Vorgesetzten an: „Aber Sie sagen, dass es unerhört von mir sei, meine Schüler dazu zu ermutigen, die Dinge kritisch zu hinterfragen?“

Auch Gaza leidet nicht allein unter den Israelis, sondern vor allem darunter, dass es mehr Bananenrepublik als Polizeistaat ist und sich hier diverse militärische und paramilitärische Banden unter der Flagge des palästinensischen Befreiungskampfs gegenseitig bekämpfen. Opfer sind da gerade auch diejenigen, die etwa die allgegenwärtige Korruption anprangern – so wie der entführte UNO-Lehrer, der entdeckt hat, dass die Universität in Gaza-Stadt Abschlüsse an Polizeioffiziere verkauft. Der Grund: „Um schneller befördert zu werden, müssen diese Polizisten nachweisen, dass sie Jura studiert oder eine andere Hochschulausbildung haben. (...) Und das bedeutet natürlich besseres Gehalt und mehr Macht“.

Wie ihm zu Beginn prophezeit, stößt Omar Jussuf auf weitere Opfer und Verbrechen. Dies wirkt im Verlauf von Rees’ „Gaza“-Roman zugleich etwas wirr wie auch statisch. Man verliert bald den Überblick, wer hier wen und warum bekriegt, und man sieht Omar Jussuf dann Kapitel für Kapitel in dem Haus dieses Clanchefs und jenes Militärführers sitzen, dann wieder hier bei einfachen Familien, deren Angehörige zwischen die Fronten geraten sind. Doch das klassische Whodunnit spielt bei Rees eben nur die zweite Geige. Imponierender und nachhaltiger sind der ständig umherwehende, alles in eine diesiges Licht tauchende Sand, sind Orte wie das Leichenschauhaus, in dem Jussuf gleich drei Leichen identifizieren muss, oder auch ein Friedhof. Auf diesem liegt der Urgroßvater eines von Omar Jussufs aus Schottland stammenden UNO-Kollegen begraben, der hier 1917 beim britischen Feldzug gegen die Türken fiel.

Matt Beynon Rees, das beweisen solche Szenen, taucht tief ein in die Geschichte dieses unglückseligen, ewig umkämpften Landstrichs. Und, so sehr ihn das vermutlich schmerzt: Er hat die Wirklichkeit ganz auf seiner Seite. Wie „Der Verräter von Bethlehem“ ist auch „Ein Grab in Gaza“ der Satz vorangestellt: „Alle in diesem Buch beschriebenen Verbrechen basieren auf realen Vorkommnissen in Gaza. Auch wenn die Namen und einige Umstände verändert wurden, gingen die Mörder tatsächlich auf die geschilderte Weise vor, und diejenigen, die dabei ums Leben kamen, sind in jedem Falle tot.“

Matt Beynon Rees: Ein Grab in Gaza. Omar Jussufs zweiter Fall. Roman. Aus dem Englischen von Klaus Modick. C.H. Beck., München 2009. 352 S., 18, 90€

Matt Beynon Rees, geboren 1967 im britischen South Wales, schreibt Krimis, die in Gaza oder dem Westjordanland spielen. Seine Reihe mit Omar Jussuf ist auf sechs Bände angelegt.

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