Krimiserie : Tote machen Quote

Hemingway lässt grüßen: der Krimiautor Robert B. Parker und sein cooler Ermittler Spenser. Lange in Deutschland verschollen, wird die Krimiserie nun wieder neu verlegt.

Werner van Bebber
Tote
Schreiben im Tempo eines alten Rocksongs. Robert E. Parker. -Foto: Pendragon Verlag

Er ist nicht mehr der Jüngste. Doch der Bedarf an Helden vom Kaliber Spensers dürfte groß sein. Er hat Humor und ein breites Kreuz, er ist willens, Verantwortung zu übernehmen, hat ein Faible fürs Kochen und die Fähigkeit, die Küche auch rasch wieder in Ordnung zu bringen. Solche Männer sind aus der Mode und deshalb um so begehrter. Spenser, Hauptfigur einer langen Serie von Krimis des Amerikaners Robert B. Parker, hat genregemäß noch ein paar zusätzliche Fähigkeiten: eine krachende, sandsackgehärtete Rechte, einen Stiernacken, einen Schnurrbart und ein paar Schusswaffen, die er präzise handhabt. Jahrelang war Spenser in Deutschland verschollen und nur antiquarisch aufzutreiben. Nun hat ihn der kleine Bielefelder Pendragon Verlag wiederentdeckt und schickt ihn zurück auf die Straße.

Gute Krimis liegen immer hart an der Gegenwart: gestern Nacht geschrieben, heute veröffentlicht. Robert B. Parker, geboren 1932, ist in diesem schnellen, auch modischen Betrieb über die Jahre etwas Ungewöhnliches gelungen: Er hat mit Spenser einen Hard-boiled-Detektiv erfunden, einen einzelgängerischen, kühlen Kämpfertyp, dessen große Zeiten vorbei und mit Humphrey Bogart zu Ende gegangen schienen. Spenser, ein harter Kerl mit lyrischer Bildung, ging mit der Zeit und blieb dabei er selbst.

Seit fast 40 Jahren ist er zumeist in Boston und Umgebung als Ermittler, Problemlöser und Hersteller von kurzfristiger Gerechtigkeit unterwegs. Dass er etwas älter geworden ist, hindert ihn nicht an den notwendigen Stunts, die Parkers Krimis rund und spannend machen. Wie nun wieder in der „Blonden Witwe“ vorgeführt: Ein menschenleerer Parkplatz im Regen. Spenser und sein schwer bewaffneter Widersacher bewegen sich lauernd um einen schwarzen BMW herum. Jeder Schritt kann der letzte sein. Dann nimmt Spenser Anlauf und klärt vom Dach des Fahrzeugs die Lage.

In diesem Fall geht es um einen mysteriösen Mord. Dass Spenser die Krimi-Moden gut überstanden hat, hat auch mit Robert B. Parkers Gefühl fürs Böse, für Verbrechen zu tun. Er schickte Spenser nie in den Kampf gegen die Mafia oder die Serienmörder. Brutal geht es auch bei Spenser zu.Tote gibt es immer, so ist das Leben. Spenser hat mit kriminellen Banden zu tun, aber auch mit untreuen Ehefrauen, Betrügern, Schlägern, Süchtigen. Das Böse ist alltäglich.

Der jüngste Roman handelt von einer Schießerei an einer Schule. Spenser soll die Unschuld eines Jugendlichen beweisen, dem mehrere Morde zur Last gelegt werden.

Nur: Wie passt ein einzelner Aufräumer noch in eine Gegenwart, die fasziniert zu sein scheint von Pathologinnen, nordischen Seelenanalytikern und Verschwörungstheoretikern? Und wie kommt ein Autor klar, der mit Avantgardisten konkurriert, die das abgrundtief Böse zu ihrem Thema machen, rassistische Morde, Serientaten – Autoren wie der Amerikaner James Ellroy oder der Brite David Peace mit ihrem Sinn für blutrot eingefärbte Panoramen der Gewalt? Spenser sei vielleicht eine erfrischende Alternative zu all den Verbrechensbekämpfern, die sich technischer Mittel bedienen, schreibt Parker in einem per E-Mail geführten Interview. Spenser sei nun mal wie er sei – einer, der nur das tut, was er auch stemmen kann. Im Übrigen denke er nicht darüber nach, ob die Zeit über Spenser hinweggegangen sei.

Also: Spenser sitzt an seinem Schreibtisch, trinkt einen Kaffee, flirtet mit der netten Kommunikationsfachfrau im Bürogebäude gegenüber. Ein Mann tritt ein und erzählt die Geschichte einer Frau, die plötzlich verschwunden ist. So oder ähnlich gehen Spensers Fälle immer los. Weil Parker in einem hemingwayhaft knappen, eleganten und schnellen Stil schreibt, brauchen seine Geschichten selten brachiale oder brutale Anfänge. Kleine Szenen reichen ihm. Man erfährt, was man erfahren muss, aus einem Dialog zwischen Spenser und einem Ermittler oder der Staatsanwältin Rita Fiore. Ein Mann liegt nackt und tot im Bett, seine Frau, die blonde Witwe, hat angeblich ferngesehen, während der Mord geschah. Die Staatsanwältin hat die junge Witwe in Verdacht. Die wiederum will, dass Spenser ihre Unschuld beweist. Ihr Motiv? Rita Fiore zu Spenser: „,Die Cops vermuten die eine oder andere Affäre.’ – ,Mit wem?’ – Rita lächelte. ,Möchtest du sie in chronologischer Reihenfolge?’, fragte sie. ,Oder in alphabetischer?’“

Die coole Ironie solcher Gespräche, ihre relative Heiterkeit verflüchtigt sich schnell. Parker komponiert die Krimis um Spenser aus Dialogen und direkter Aktion. Kaum hat Spenser seinen Kaffee oder sein Bier ausgetrunken, geht es los. Die Krimis haben das Tempo eines guten, dahinrollenden Rocksongs aus den späten Sechzigern: nicht hektisch, aber schweißtreibend. „Ich zog die Pistole und hielt sie an meine Seite gepresst. Ich ging unter der Brücke durch. Zu meiner Linken lag die Eisentreppe. Ich war schon fast an ihr vorbei, als ich mich spontan umdrehte und die Stufen hochlief. Drei Stufen vor dem obersten Treppenabsatz stieß ich mit einem Kerl zusammen, der gerade runterging. Er hatte eine Knarre in der Hand, und als ich ihn anrempelte, löste sich über meiner linken Schulter ein Schuss. Ich knallte ihn ab. Er stöhnte leise und fiel rückwärts die Treppe hinunter.“

Mal ist Spenser auf sich gestellt, mal hilft ihm sein Freund Hawk. Der ist Spensers schwarzer Bruder – im direkten, die Hautfarbe betreffenden, und im übertragenen Sinn: Wenn Spenser kühl ist, dann ist Hawk kalt, wenn Spenser noch zögert, schlägt Hawk zu. Der schwarze Nahkampfspezialist hat Spensers Skeptizismus längst hinter sich gelassen. Er räumt weg, was im Weg ist. Spenser hingegen, schreibt Robert B. Parker in einer E-Mail, „ist mit der Zeit immer skeptischer geworden. Er hat nie geglaubt, dass sich alles zum Besseren wandelt. Er hat sich selbst einmal einen Apostel des Möglichen genannt.“ In der Welt, so wie sie nun mal ist, schreibt Parker weiter, „gibt es Zeiten für die Polizei, und es gibt Zeiten für direkte Aktion, wenn man die Mittel dazu hat. Spenser hat sie.“

Robert B. Parker: Die blonde Witwe. Spenser. Aus dem Amerikanischen von Emanuel Bergmann und Tanja Mushenko. Pendragon, Bielefeld 2006. 224 Seiten, 9,90 €.

Robert B. Parker: Der stille Schüler. Aus dem Amerikanischen von Frank Böhmert. Pendragon, Bielefeld 2007. 224 S.,9,90 €

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