Kubiczek-Roman "Kopf unter Wasser" : Die Abrechnung

Es gibt in diesem neuen Roman des Berliner Schriftstellers André Kubiczek einen Satz, der lässt einen als Leser genauso aufatmen wie zum besserwisserischen Schlauberger werden: Herr Kubiczek, Sie wissen doch, wie es geht! Warum halten Sie sich dann nicht selbst an das, was Sie ihrer Hauptfigur ins Stammbuch schreiben?

Gerrit Bartels

 Henry heißt Kubiczeks Held, ist junger Berliner Medienschaffender, hat ein erfolgreiches Buch geschrieben, trödelt mit dem zweiten und gelangt beim Schreiben dieses Buchs zu der Erkenntnis: „Auf Seite 101 stattete er seinen Protagonisten probehalber mit übersinnlichen Fähigkeiten aus, da ihn der knochentrockene Realismus seiner Erzählung allmählich selbst zu langweilen begann. Schnell verwarf er die Idee wieder, wollte sie sich aber als Möglichkeit für das Buchende offenhalten.“

Tatsächlich fragt man sich bei der Lektüre von „Kopf unter Wasser“ nach gut 100 Seiten, was in den talentierten Schriftsteller André Kubiczek gefahren ist, einen Roman wie diesen zu schreiben. Gerade nach seinem schönen Debüt „Junge Talente“ (2002) und der fast brillanten Berliner-Republik-Satire „Die Guten und die Bösen“ (2003). Stilistisch ist „Kopf unter Wasser“ enorm unambitioniert, das ist nicht mal ein möglicherweise als Konzept erkennbarer „knochentrockener“ Realismus, sondern nur blassester, konzeptloser Realismus. Jeder Absolvent des Literaturinstituts in Leipzig experimentiert mehr mit Form und Sprache. Und auch stofflich gibt dieser Roman nicht viel her: Kubiczek beschreibt vor allem die Beziehung, die Henry erst mit der Künstlerin Bettina hat, und jene, die er danach mit der Deutsch-Koreanerin Birte eingeht, mit der er schließlich ein Kind bekommt. Dass es einen Bruch in Henrys Leben gibt, er sich auf dem absteigenden Ast befindet, erfährt man durch den wackligen Roman-Überbau, weil Henry irgendetwas mit dem Mord an seinem Freund Peter zu tun haben könnte, da er ihn nach einem gemeinsamen Besäufnis zuletzt gesehen hat.

Als „Liebesroman“ hat der Verlag „Kopf unter Wasser“ etikettiert, als Porträt einer illusionslosen, nicht einmal mehr zur Ironie fähigen Generation, und auch noch als „sardonische Abrechnung mit der Berliner Republik“. Das ist erschlagend viel für einen Roman, der dann jedoch, hat man Seite 100 passiert, vor allem eins zu sein scheint: Die notdürftig als Literatur verkleidete Abrechnung eines jungen Autors mit einer Ex-Freundin, mit der er ein Kind hat, das er anscheinend nicht mehr sehen darf. Denn das ist das Szenario, auf das alles zusteuert. Die Geburt von Töchterchen Johanna, bei der Henry von Birte zurechtgewiesen wird: „Hau endlich ab, du Arschloch“, das gemeinsame Beziehen einer Wohnung, sein Versäumnis, das Sorgerecht mitzubeanspruchen, die Trennung, die Tage, die er mit Johanna verbringen darf, bis Birte ihm das Besuchsrecht entzieht und er ein weinerlicher „Männerbewegungsparanoiker“ wird.

Kubiczeks Roman bekommt hier plötzlich durchaus fesselnden Charakter, als junger Vater, in welchem familiären Status auch immer, liest man Henrys Familiendrama und seinen sozialen Abstieg mit Entsetzen, das ist dann kehlezuschnürend. Die Geschichte hat es in sich, nur gute Literatur wird nicht draus. „Kopf unter Wasser“ fällt gegen die anderen Bücher von Kubiczek arg ab, selbst das – im Text angekündigte – Ende reißt es nicht heraus. Es ist tatsächlich phantastisch und zeigt Kubiczek kurz in guter, alter Manier.

Doch hat man das schon öfter erlebt, etwa bei Maxim Biller oder Michael Lentz: Wenn literarisch alte Rechnungen beglichen werden sollen, etwa mit Ex-Frauen, leiden Schaffenskraft und Kreativität. Vielleicht funktioniert dieser Roman für André Kubiczek, dessen Karriere ja auch etwas stockt, wenigstens als Befreiungsschlag. Gerrit Bartels

André Kubiczek: Kopf unter Wasser. Roman. Piper, München 2009. 240 S, 18 €.

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