Kulturgeschichte : Ecos listen: Erstens, zweitens, drittens, viertens

Die Ordnung im Chaos: Umberto Eco schreibt eine Kulturgeschichte des Listenwesens und versucht den Balanceakt zwischen didaktischem Eifer und essayistischem Ehrgeiz.

Marianna Lieder

Mit Listen, Verzeichnissen und Aufzählungen verbindet man zunächst nichts Aufregendes. Man erstellt dergleichen als Gedächtnisstütze für den Wocheneinkauf oder bei Betriebsinventuren und Steuerklärungen. Neben alltäglich-bürokratischen Belangen sind Listen seit Jahrtausenden in Literatur- und Kulturgeschichte präsent. Von den Göttergenealogien der Antike bis hin zum digitalisierten Bibliothekskatalog widmete sich im November eine Veranstaltungsreihe des Louvre den Herangehensweisen, mit denen der Mensch versucht hat, Übersicht ins Chaos zu bringen. Für Idee und Betreuung des Projekts war Umberto Eco verantwortlich, der den Zyklus aus Vorträgen, Ausstellungen und Lesungen um den Band „Die unendliche Liste“ ergänzt hat.

Wer argwöhnt, es handele sich hierbei um den üppig bebilderten Versuch, Kultur für Pedanten und Excel-Fans aufzubereiten, wird schnell eines Besseren belehrt. Abgesehen von praktischen Liste in Bestandsverzeichnissen von Museen- und Schatzkammern geht Eco den „chaotischen“, den „schwindelerregenden“, den „unsichtbaren“, den „anormalen“ und vor allem den „niemals abschließbaren“ Spielarten des Aneinanderreihens, Sammelns, Anhäufens im Wandel der Epochen nach. Der Semiotiker und Romancier fördert unerwartete Querverbindungen und Analogien zwischen Literatur, Bildender Kunst und Wissenschaftsgeschichte zutage, erläutert den Listencharakter von mittelalterlichen Reliquienschreinen und den der Broadway-Revues der dreißiger Jahre.

Ausschlaggebend für die Allgegenwart dieses Phänomens ist Eco zufolge der Umstand, dass sich das endliche Wesen Mensch zum einen unweigerlich vom Unendlichen angezogen fühlt, zum anderen bereits von der unüberschaubaren Vielfalt an Dingen, Tieren, Pflanzen, möglichen Buchstabenkombinationen heillos überfordert ist. In der Liste nun hätten wir Sterblichen ein Instrument zur Hand, um „das Unendliche geradezu physisch erfahrbar“ zu machen.

Als literarischer Prototyp dieser Strategie im Umgang mit dem Grenzenlosen wird Homers Aufzählung der griechischen Heerführer im zweiten Gesang der „Ilias“ angeführt. Um die unvorstellbaren Dimensionen der Streitmacht zu suggerieren, referiert der Dichter über 350 Verse hinweg lediglich die Namen der Befehlshaber, ohne sich auf eine ungefähre Zahl aller Soldaten festzulegen.

Nach dem Vorbild Homers wird sich in Vergils Hades-Darstellung und Dantes Schilderung des Paradieses an Quantitäten abgearbeitet, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigen. Das Pendant hierzu findet Eco auf dem Gebiet der Malerei in Altdorfers „Alexanderschlacht“, in den Engel- und Märtyrerscharen Tintorettos und Dürers. Am Beispiel der frugalen Stillleben niederländischer und italienischer Meister wird der zum universellen ästhetisch-heuristischen Prinzip ausgeweitete Listenbegriff ebenso demonstriert wie anhand kabbalistischer Zahlenmystik, dem Rausch der Allerheiligenlitanei, Boschs Höllenvisionen, Warhols Campbelldosen oder Joyces Aufzählung der Gegenstände aus Leopold Blooms Küchenschublade im vorletzten Kapitel des „Ulysses“.

Die Liste interessiert Eco ganz besonders dann, wenn sie nicht im Dienste eines herrschenden Systems steht, sondern dieses unterläuft und produktives Chaos entfaltet. Die Definition eines Gegenstandes nach Substanz setzte spätestens seit Aristoteles ein festgefügtes Gerüst aus Klassen und Unterklassen voraus; das Individuum wurde der Art, diese wiederum der Gattung zugeordnet. Als Gegenmodell zur essenzialistischen Definition nennt Eco die Beschreibung einer Sache durch die hierarchiefreie Auflistung heterogener Eigenschaften – eine Methode, zu der in den Schriften des Barockgelehrten Emanuel Thesaurus geraten wird, um die aristotelisch-scholastischen Denkmuster aufzuweichen und neue Wissensbezüge zu ermöglichen.

Schon ein Jahrhundert vor Thesaurus hatte Rabelais in dem Epos „Gargantua und Pantagruel“ zum satirischen Generalangriff auf die Klassifikationsmanie seiner Zeitgenossen ausgeholt: In den Katalogen unnützer Bücher, der Aufzählung sämtlicher Bezeichnungen fürs männliche Geschlechtsorgan oder verschiedener Möglichkeiten, den Feind niederzumetzeln, steigert sich die Leidenschaft der Häufung zum grotesken Exzess.

Für Eco ist dies der Auftakt zur anarchischen Poetik der Liste um der Liste willen, der sich im 20. Jahrhundert die Surrealisten und Literaten der Postmoderne erneut verschrieben. Neben André Breton und Thomas Pynchon wird immer wieder Jorge Luis Borges zitiert, der die von Thesaurus empfohlene Verfahrensweise auf die Spitze trieb: Wenn der große argentinische Bibliothekar in seiner „chinesischen Enzyklopädie“ vorschlägt, Tiere gemäß den Kategorien „dem Kaiser gehörige“, „einbalsamierte“, „in diese Einteilung aufgenommene“, „und so weiter“ zu unterscheiden, gibt er die Ordnung der Dinge und des Denkens vollständig der Auflösung preis.

Schließlich ist es Eco selbst, der hier eine Liste der Listen zusammengestellt hat, die sich jeder systematischen Strenge verweigert. So wenig wie an der theoretischen Durchdringung des Themas ist ihm an der Vollständigkeit der Aufzählung gelegen. Bei der Inventur der abendländischen Kulturgeschichte geht er nach dem Lustprinzip vor. Dass in Ecos Texten der Balanceakt zwischen didaktischem Eifer und essayistischem Ehrgeiz bisweilen nicht uneingeschränkt gelingt, ist bedauerlich für den Leser. Der Betrachter hat keinen Grund zur Klage.

Umberto Eco:

Die unendliche Liste. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Hanser Verlag,

München 2009.

407 Seiten, 39,90 €.

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