Kulturstiftung : Buch über den Kreislauf der Arbeit

Das Buch "Der 100 000 Euro Job“ vermittelt nützliche und neue Ansichten zur Arbeit. Es ist aus einer Initiative des Bundes entstanden, bei der 47 Kulturprojekte junger Menschen gefördert wurden. Die Lebensläufe der Autoren sind aber so homogen, dass interessante Aspekte des Themas übergangen werden.

Lavinia Meier-Ewert

Für das Geld hätte man zwei Arbeitslose von der Straße holen und zu Lufthansa-Piloten ausbilden lassen oder dem Vorstandsvorsitzenden von Siemens elf Arbeitstage Gehalt zahlen können. Oder aber, und das kommt dem Tagwerk derer, die dieses Buch bevölkern, schon näher, man hätte 40 000 Tage lang bei einem Latte Macchiato im St. Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin Mitte digital und freiberuflich am Laptop arbeiten können.

Die Kulturstiftung des Bundes hat die 100000 Euro jedoch lieber in ein Förderprojekt gesteckt. Im Rahmen des Programms „Arbeit in Zukunft“, in dem zuletzt der von Johannes Ullmaier herausgegebene Arbeitsreportagenband „Schicht“ (siehe Tagesspiegel vom 20.11. 2007) erschienen ist, unterstützte sie unter dem Titel „Der 100.000 Euro Job“ ein halbes Jahr lang 47 Kulturprojekte von jungen Menschen bis 26 Jahre, die sich mit dem Thema Arbeit auseinandersetzten. Das Projekt gibt es jetzt auch als Buch und verspricht „nützliche und neue Ansichten zur Arbeit.“

Nun ist das mit dem „neu“ so eine Sache. Vieles in diesem Buch ist altbekannt und ließ sich anderswo auch schon lesen. Holm Friebe schreibt über die „Digitale Bohème“, Mercedes Bunz über „Urbane Penner“, und Jörn Morisse stellt seine Kulturschaffenden-Studie „Wovon lebst du eigentlich?“ vor. Dazwischen erzählen ausgewählte Angehörige dieser Gruppierungen von ihrem „ersten Mal“, nämlich ihrem ersten Job, und betonen dabei dessen Absurdität. MTV-Urgestein Markus Kavka plaudert etwas bemüht pointiert aus einer Zeit, in der es noch feste Redakteursanstellungen direkt nach dem Studium gab. „Spreeblick“-Blogger Johnny Haeusler berichtet unter dem Motto „Das ist Punk, das kannst Du auch“, wie er es Anfang der achtziger Jahre mit seiner frisch gegründeten Band Plan B zur Vorgruppe von The Clash geschafft hat. Und der Schriftsteller und Lesebühnenautor Jochen Schmidt erinnert sich in Form einer sehr lustigen Geschichte an seinen ersten Ferienjob auf einem Milchhof in der DDR. Bei diesem ging es nicht so sehr darum, eine Menge an Arbeit zu bewältigen. Sondern vor allem darum, eine Menge Zeit herumzubringen. Seine Konsequenz: Alles daransetzen, nie arbeiten zu müssen – „mit wie viel Arbeit das verbunden sein würde, konnte ich damals noch nicht ahnen.“

Der eigentliche Kern dieses Buches jedoch besteht neben einem „Best of“ dessen, was in jüngster Zeit zum Thema Arbeit geschrieben und gedacht wurde, in der Dokumentation der geförderten Projekte. Den unterschiedlichen Ansätzen eigen ist ein auffallend sensibler und wenig abstrahierender Blick darauf, was passiert, wenn man erst einmal drin ist im Kreislauf von Aufstehen, Arbeiten und Schlafengehen. Danach fragen zum Beispiel eine Fotostudie über das Frühaufstehen, eine Podcastoper, die genauso lange dauert wie der durchschnittliche Weg zur Arbeit, nämlich zwanzig Minuten, und ein Film, der Arbeitsprozesse visuell und klanglich wahrnimmt.

Eine schöne Ergänzung zu dieser sinnlichen Herangehensweise sind die Beiträge des New-Work-Theoretikers Frithjof Bergmann, der erklärt, dass „ein Großteil der Arbeit Menschen verkrüppelt“, und warum es so wichtig ist zu erkennen, was man „wirklich wirklich will“. Wie sehr dieser Prozess in einer „Generation to go“ von Zukunftsängsten und Unsicherheiten über die eigene Position geprägt ist, zeigen die vielen Beiträge zum Thema Arbeitslosigkeit. Der „Arbeitslosenstreichelzoo“ dokumentiert, mit welchen teils sinnlosen Beschäftigungsmaßnahmen Arbeitslose aus der Statistik geräumt werden. „Mut-Mach-Maschinen“ vermitteln ein Gefühl für einen nicht entfremdeten Zusammenhang von Konsum und Produktion. Und das Projekt „Prekär Potent Consulting“ vermarktet in perfekt imitiertem Businesssprech die ungenutzten Schlüsselkompetenzen von Obdachlosen.

Das brachliegende Potenzial des Buches indes besteht in der Entscheidung, die Unternehmungen lediglich mal mehr, mal weniger ausführlich skizziert zu haben, anstatt sich mit den Erkenntnissen auseinanderzusetzen, die die jungen Leute selbst bei ihrer Arbeit gewonnen haben. Einige der Projekte fragen so originell und künstlerisch kreativ nach dem Zusammenhang von Arbeit und Leben, von individueller Erfüllung und drohender Entfremdung, von Freizeit und Verdienst, dass man von den Initiatoren gern noch mehr lesen würde.

Zumal die Erwerbsbiografien derer, die sich stattdessen hier zu Wort melden, von ermüdender Homogenität sind. Fast alle machen „was mit Kunst“ oder „was mit Medien“ – meistens: „was mit Internet“. Es spricht nichts dagegen, sich im Hinblick auf eine Gesellschaft, der die Lohnarbeit ausgeht, in Berufsgruppen umzuhören, die traditionell erfindungsreich an den eigenen Broterwerb herangehen – aber warum fragt eigentlich niemand mal einen Klempner oder einen Zahnarzt, welches Verhältnis er zu seiner Arbeit hat?

Sebastian Sooth (Hg.): Der 100.000 Euro Job. Nützliche und neue Ansichten zur Arbeit. Verbrecher Verlag, Berlin 2008. 232 Seiten, 13 €.

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