Kumpfmüller-Roman "Nachricht an alle" : Die K.- und K.-Republik

Treibhaus Berlin: Michael Kumpfmüller und Dirk Kurbjuweit lassen in ihren Romanen den Politiker in die Literatur zurückkehren.

Gerrit Bartels
Reichstag
In der Hauptstadt wird auch Politik gemacht. -Foto: ddp

Es war in den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Schriftsteller Wolfgang Koeppen das Verhältnis von Schriftstellern zur Politik nicht ganz undramatisch zusammenfasste: „Wir alle leben mit der Politik, sind ihre Objekte, vielleicht schon ihre Opfer. Es geht um Kopf und Kragen. (...) Wie darf da der Schriftsteller den Vogel Strauß mimen, und wer, wenn nicht der Schriftsteller, soll in unserer Gesellschaft die Rolle der Kassandra spielen?“

Koeppen hatte da noch gut reden, die Bedeutung und Tragkraft seines 1953 veröffentlichten düster-elegischen Bonner Politromans „Das Treibhaus“ war gerade erst in vollem Effekt erkannt worden. Ganz so zu Herzen nahmen sich Koeppens Kollegen diesen Aufruf dann nicht. Das Verhältnis von Politik und Literatur sollte ein diffizil-prekäres bleiben, und die Sehnsucht der Literaturkritik nach einer Literatur, die endlich mal „wieder politisch“ werden solle, im Grunde unstillbar.

Seit gut ein, zwei Jahren aber scheint es, als bewege sich wieder was in größerem Maßstab, als beschäftigten sich mehr und mehr Schriftsteller weniger mit sich selbst und den Verstrickungen ihrer Familie in den Nationalsozialismus als vielmehr mit der zeitgenössischen Politik und Gesellschaft. Da ist Ulrich Peltzers gefeierter, im linken Politmilieu Kreuzbergs angesiedelter Roman „Teil der Lösung“, da ist Dietmar Daths „Waffenwetter“, in dem eine junge Frau sich unter Einfluss ihres kommunistischen Großvaters zu politisieren beginnt, oder da gibt es Armin Kratzerts, wie die Romane von Peltzer und Dath im letzten Herbst veröffentlichten Roman „Hundertmark“, der aus dem Leben einer jungen Politikerin in Berlin erzählt.

In diesem Frühjahr sind es der 1961 geborene Michael Kumpfmüller mit „Nachricht an alle“ und der 1962 geborene Dirk Kurbjuweit mit „Nicht die ganze Wahrheit“, die mit ihren Romanen wenn nicht gleich die ganze Politik, so doch ranghohe Politiker als Figuren in die deutschsprachige Literatur zurückbringen. Anders als Koeppens „Treibhaus“-Held Kettenheuve, der ein geradezu romantischer Außenseiter ist, ein Poltiker, der es nicht schafft, sich Sachzwängen und dem politischen Betrieb anzupassen, sind Kumpfmüllers und Kurbjuweits Helden Politiker mit Leib und Seele.

Kumpfmüllers Innenminister Selden empfindet es als geradezu beglückende Herausforderung, in seinem im Roman ungenannt bleibenden, von sozialen Unruhen geplagten Land wieder Ruhe einkehren zu lassen, und sieht schon die eigene Depression nach der Krisenbewältigung heraufdämmern: „Manchmal denke ich, das war’s. Eine Krise baut sich auf, erreicht den kritischen Punkt, es kommt zu Toten, dann bricht sie in aller Schönheit zusammen. Die Kinder haben sich ausgetobt. Sie sind müde. Ein paar abschließende Pirouetten noch, die letzten Faxen, bevor sich endlich alle besinnen und eine längere Phase der Ruhe eintritt.“ Und Kurbjuweits Partei- und Fraktionschef Leonard Schilf schreibt an seine Geliebte und Parteigenossin, die junge Anna Tauert: „Wir herrschen über Wörter, wir herrschen über Wahrheiten. (...) Gegen die Wahrheiten der Gegenwart wirken Erinnerungen kleinlich. Man kann das genießen. Es ist großartig. Du wirst das lernen, und es wird dich glücklich machen, glaub mir. Werde Machthabermensch“.

Beide Romane statten die Politiker mit allen Elementen des Privaten aus, die es braucht, um Politikerseelchen gut zu verstehen. Das Private ist hier selbstredend immer politisch: Kumpfmüllers „Nachricht an alle“ beginnt damit, dass Selden seine Tochter aus erster Ehe bei einem Flugzeugabsturz verliert, der womöglich auf einen Terroranschlag zurückzuführen ist. Selden lebt schon lange in einer zweiten, kinderlosen Ehe mit einer Künstlerin, hat eine Bettgespielin, mit der er sich in Hotels trifft, und verliebt sich in eine junge und engagierte Journalistin.

Dirk Kurbjuweit wiederum erzählt aus der Perspektive eines von der Ehefrau seines Helden Leonard Schilf engagierten Privatdetektivs namens Arthur Koenen die Liebesgeschichte zwischen Schilf und Anna Tauert. Diese darf nicht nur nicht öffentlich werden und ist also schwierig auszuleben, worüber sich beide beredt austauschen, sondern hat immer wieder auch mit politischen Störgeräuschen zu kämpfen: Anna Tauert zählt in der Partei zu den sogenannten Rebellen, die nicht für ein vom Kanzler und seinem engsten Vertrauten Schilf geplantes Gesetz stimmen wollen, das vorsieht, dass jeder den Zahnersatz aus eigener Tasche finanzieren soll.

Die Stärke von Kurbjuweits Roman besteht darin, dass er sich auf die Kombination Liebe und Politik sowie seine drei Hauptfiguren konzentriert: das Politikerpärchen und der sie beobachtende oder ihren E-Mail-Austausch wiedergebende Detektiv. Dieser ergänzt von außen die Selbstwahrnehmung von Schilf und Tauert: „Ich hatte selten ein so bewegliches Gesicht gesehen wie seins. (...) Es versprühte Anteilnahme in jeder Hinsicht, und nur jemand, der ihn genau beobachtete, sah, dass diese Anteilnahme sofort versiegte, sobald er sich abwandte, und in Sekundenschnelle war sein Ausdruck der nächsten Bewegung angepasst“.

Kurbjuweit, im Erstberuf Journalist und Leiter des Berliner „Spiegel“-Büros, schreibt schnell, zupackend, fast atemlos, immer um Präzision bemüht. Kumpfmüller, der 2000 mit dem Wenderoman „Hampels Fluchten“ erfolgreich debütierte, lässt sich dagegen mehr Zeit, und er will auch mit seinem inzwischen dritten Roman mehr: gleich ein ganzes Gesellschaftspanorama zeichnen. Bei ihm gibt es sogenannte Chöre, die den Kapiteln vorangestellt sind und aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Perspektiven die Lage des Landes schildern; bei ihm kommen junge Straßenkämpfer zu Wort, die Tick, Trick und Track heißen und Graffiti-Feldzüge unternehmen. Oder die junge Mania, die während eines psychotischen Schubs mit dem Messer auf Selden losgeht (genau, Lafontaine!). Oder die junge Tarsa, die sich öffentlich verbrennt. Kumpfmüllers Roman zerfasert an diesen Stellen, auch psychologisch klappert er bei diesen Randfiguren doch ein wenig. Überzeugender, klarsichtiger ist der Roman, wenn er Selden und sein Umfeld im Blick hat, wenn er die Mechanismen der Macht erläutert, den Lustgewinn, den es hat, Politiker zu sein, aber auch die mal eingebildete, mal reale Verantwortung. Noch am Ende, da er als Rentier in einer Hochsicherheits-Wohnanlage lebt, schreibt Selden an einer „Verteidigung der Politik, das, was sie mal gewesen war, Anfang und Ende. Im Titel etwas Griechisches, hatte er gedacht, polis versus Barbarei, eine Streitschrift wider den alten und neuen Populismus“.

Was sie aber ist, die Politik, vor allem die sie Ausübenden, daran versuchen sich Kumpfmüller und Kurbjuweit. Es ist leicht, in ihren Romanen Parallelen zur Berliner Wirklichkeit zu finden, besonders zu den Schröders/Fischers/Schilys; auch die ZDF–Serie „Kanzleramt“ kommt einem in den Sinn, das, was man so an Human-Touch-Geschichten über die Politikerzunft aus der Zeitung kennt – doch ist das kein Makel, selbst ein Don DeLillo hatte ja zuletzt in „Falling Man“ so seine Probleme, den bekannten Bildern nicht nur hinterherzuschreiben.

Das Besondere an „Nachricht für alle“ und „Nicht die ganze Wahrheit“ ist vielmehr, dass sie sich nicht erheben, sie nicht mit erhobenen moralischen Zeigefingern die Perversionen des Politzirkus vorführen wollen. Sondern dass sie Politik als Handwerk, als Arbeit darstellen, und die Politiker als leidenschaftlich liebende, lebende und arbeitende Menschen, mitsamt ihren Gegnern: „Sie wollten, dass er Fehler machte. Die lustige kleine Pannenshow (...) Josina hatte ihn wie immer gut gecoacht. Ein schneller Witz war gut, ein bisschen Stammeln und dann der Gegenangriff“, so wie bei Selden. Oder wie bei Anna Tauert, eher zweifelnd: „Wir sagen Sätze, von denen wir hoffen, dass sie am nächsten Tag in der Zeitung stehen oder in der Tagesschau gesendet werden. Wenn sie dort nicht erscheinen, sind sie nicht gesagt“.

Wolfgang Koeppen hatte seinerzeit auf die literarische Wahrhaftigkeit gepocht und seinem Buch vorangestellt, es liege „jenseits der Bezüge von Menschen, Organisationen und Geschehnissen unserer Gegenwart“. Kumpfmüller und Kurbjuweit sind nüchterner, schmuckloser – der eine mit einem ganz leichten, apokalyptischen Anflug, der andere mit einer raffinierten Schlusspointe. Ihnen geht es weniger um eigene poetische Wahrheiten. Vielmehr begeben sie sich, und das durchaus vielschichtig, bewusst in die Gegenwart, zoomen sie sich nah an die Realität. Und das ist eine Menge. Es muss ja nicht immer gleich um Kopf und Kragen gehen, wenn Politik und Literatur zusammenkommen.

Michael Kumpfmüller: Nachricht an alle. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 383 Seiten, 19,95 €.

Dirk Kurbjuweit: Nicht die ganze Wahrheit. Roman. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2008. 220 Seiten , 17,90 €.

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