Literatur : Kunst leben

Erinnerungen einer Berliner Fotografin

Christina Tilmann

Neunzig Jahre: fast ein Jahrhundert. Sie hat Kaiser Wilhelm II. noch im Grunewald gesehen, hoch zu Ross, mit Ulanenhelm, und fand ihn fesch und die Welt des Kaiserreichs ganz richtig, wie sie war. Der erste Weltkrieg erwischt die damals Fünfjährige völlig unvorbereitet. Der Schwager ihres Kindermädchens, ein Herr Eisen, fällt in den ersten Wochen. Fortan fragt das Kind bei jedem Sarg: „Liegt da Herr Eisen drin?“

Marianne Breslauers Kunstbegeisterung war schon in der Jugend gelegt, in sonntäglichen Museumsbesuchen mit dem Vater und fleißigem Postkartensammeln. Ihr Maltalent war jedoch nicht ausgeprägt, der Beruf Fotografin schien ein guter Kompromiss: An der Lette-Schule wurden in den Zwanzigern schon Fotografinnen ausgebildet. Es folgen glückliche Jahre in Paris, im Atelier von Man Ray, und erste Gehversuche im Berliner Ullstein-Verlag. In den Dreißigern ist sie vor den Nazis in die Schweiz geflohen, mit ihrem Mann, dem Kunsthändler Walter Feilchenfeldt. Sie sei sich lange Zeit gar nicht bewusst gewesen, dass sie Jüdin ist, diese Bürgerstochter aus dem Grunewald, die aufgewachsen ist zwischen Sommerfrische in Holland und begeistertem Hockeyspiel in Berlin. Auch die Eltern emigrieren erst in letzter Minute.

Marianne Feilchenfeldt Breslauer, die Berliner Fotografin und spätere Schweizer Kunsthändlerin, ist eine Zeitzeugin besonderer Art. Alle Schrecken des 20. Jahrhunderts hat sie erlebt und trotzdem ein glückliches Leben geführt. Mit neunzig Jahren hat sie begonnen, für Kinder und Enkelkinder ihre Lebenserinnerungen zwischen Berlin, Paris, Amsterdam und der Schweiz aufzuschreiben. Der Band, in Zusammenarbeit mit Bernhard Echte entstanden, ist nach ihrem Tod am 7. Februar 2001 als Privatdruck erschienen. Nun wird er, zum 100. Geburtstag der Fotografin, im Schweizer Verlag Nimbus nachgedruckt, ergänzt um Mariannes wunderbare Fotografien.

Das ist, natürlich, vor allem ein Kompendium der Kunst- und Literaturkreise von Frank Hessel und Ernst Bloch, Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque, Annemarie Schwarzenbach, mit der sie durch Spanien reist, bis zu Oskar Kokoschka und Max Beckmann: Sie hat sie alle gekannt, beschreibt sie in lakonischem, lockerem Ton. Und beschreibt auch ihre eigene Wegfindung: Erst tritt sie nur als Begleiterscheinung des 15 Jahre älteren Feilchenfeldt auf, den sie Feilchen nennt und Jahre später heiratet. In den Straßen von Paris erprobt sie sich als neusachliche Fotografin. Und rutscht, seit den Amsterdamer Jahren, in den Kunsthandel hinein, den sie nach Feilchenfeldts Tod 1953 ganz übernimmt. Das letzte Mal gesehen hatte sie ihn vor einem Gemälde von Cézanne, mit drei Totenköpfen, das Feilchenfeldt auf ihre Bitten hin gekauft hat. Da ist sie erst 44, mehr als die Hälfte ihres Lebens liegt noch vor ihr. Die Kunst ist ihr länger geblieben.

Marianne Feilchenfeldt Breslauer,

Bilder meines Lebens. Erinnerungen.

Nimbus. Kunst und

Bücher, Wädenswil 2009, 232 S., 26 €.

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