Literatur : Kurzer Traum zum langen Abschied

„Malindi“: Troy Blacklaw porträtiert in seinem Debütroman das Südafrika während der Apartheid

Rolf Strube

Douglas legt sein Surfbrett in den Schatten eines Baumes, stellt sich darauf und übt die Balance auf dem Trockenen. Das Meer wird er so bald nicht wieder sehen. Nach dem Tod seines Bruders Marsden, der durch einen fatalen Ballwechsel beim Kricket ums Leben gekommen ist, wollte seine Mutter fort aus dem noblen Muizenberg, wo die Familie lebte, weg vom nahen Kapstadt und den ausgedehnten Stränden an der False Bay, wo das Unglück passierte. Sie hat sich für die Karoo entschieden, eine dünn besiedelte Steppenlandschaft, die außer Schafzucht und Burenfarmen wenig vorzuweisen hat. Douglas’ Onkel, Oom Jan, ein treuer Anhänger der Apartheid, hat sie gewarnt, es seien gefährliche Zeiten. Es ist das Jahr 1976, in dem in Soweto, den gettoartigen Siedlungen der schwarzen Arbeiter von Johannesburg, schwere Unruhen ausbrachen.

Troy Blacklaws, 1965 im südafrikanischen Natal geboren, erzählt seinen Debütroman „Malindi“, der 2005 unter dem Titel „Karoo Boy“ in London erschien, aus der Perspektive des 14-jährigen Douglas, der von einem Tag zum anderen aus allem hinauskatapultiert wird, was er gewohnt war und für selbstverständlich hielt. Marsden, sein Zwillingsbruder, war ihm nicht nur im Sport überlegen. Er war auch ein hoch begabter Zeichner, dessen Skizzen und Studien jetzt im verlassenen Haus in Muizenberg verstauben. In seinen Tagträumen – als eigene Ebene innerer Wahrnehmung durch Kursivschrift kenntlich gemacht – wird Douglas immer wieder von Bildern einer stehen gebliebenen, versiegelten Zeit überflutet, als die Familie noch vollzählig war: Wie er mit Marsden oft vor der Schule im Morgengrauen surfen gegangen war, wenn Meer und Berge gerade erst ihre Farben annahmen; wie sie sich „Nigger-Verse“ ausgedacht hatten, um den schwarzen Gärtner zu ärgern, mit denen sie dann aber ihren Vater in Rage brachten.

Er ist seit dem Unfall, an dem er sich die Schuld gab, verschwunden – mit seinem Segelboot unterwegs zu einem fernen Ort namens Malindi an der Ostküste. Alles, was sein Vater verkörperte, würde, ahnt Douglas, in der neuen Umgebung Misstrauen wecken: dass er für die „Cape Times“ über Obdachlose im reichen Kapstadt schrieb. Oder sogar, dass er seinen Mercedes mit dem Xhosa-Wort für Elefant „Indlovu“ nannte.

Klipdorp, das Kaff in der Karoo, erweist sich als Bollwerk der Apartheid. Willkürliche Demütigungen schwarzer Arbeiter gehören zum Alltag, die Lehrer an Douglas’ neuer Schule versehen ihr Amt mit alttestamentarischer Strenge. Douglas hat vom ersten Tag an den Eindruck, die Burenjungen mit ihren rasierten Schädeln könnten das Meer an ihm riechen – eine Weite und Freiheit, die ihnen unbekannt ist und für die sie ihn mit groben Scherzen bestrafen.

Der alte Moses von der Tankstelle wird sein väterlicher Freund. Moses, der in der Karoo gestrandet ist, nachdem ihm der Pass gestohlen wurde, erzählt ihm von der Initiationsriten der Xhosa in seiner Jugend. Er kommt zu dem Schluss, auch Douglas befinde sich seit dem Tod seines Bruders in einer „Zeit der Prüfung“. Mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft, der launischen Marika, macht er Radtouren durch die Karoo. Ein abgelegenes Wasserreservoir wird ihr Lieblingsort, hier finden sie zueinander. Marika träumt davon, einmal mit dem Rucksack in die Welt zu ziehen. Sie hasst ihren despotischen Vater, der ihr überall nachspürt und ihr bald den Umgang mit dem „Kaffernbruder vom Kap“verbietet. Marika drängt Douglas eines Tages, mit ihr ins Township, in die nahe Barackensiedlung zu fahren, und so geraten sie mitten hinein in einen Strudel sozialer Gewalt.

Troy Blacklaws, der früh zum Apartheidsgegner wurde und heute als Englisch-Dozent in Singapur lebt, ist eine dramatische Verdichtung einer Zeit gelungen, die für die einen zu den besten Jahren der Apartheid zählte, für die anderen den Anfang vom Ende der weißen Vorherrschaft im Kapstaat markierte.

In der Übersetzung des Schriftstellers Michael Kleeberg zeigt „Malindi“ ein quasi filmisch evoziertes Südafrika – in einem Spiel harter ästhetischer und sozialer Kontraste, das Troy Blacklaws schlüssig, aber nicht selten am Rande des Melodramatischen aus der paradoxen Lage der Hauptfigur entwickelt. Douglas, der Träumer, der lieber seinen Erinnerungen an die zerbrochene Familie nachhängen würde, als sich der neuen rauen Wirklichkeit zu stellen, hat am Ende etwas von der Faszination des Visuellen, mit der sein Bruder die Welt sah, und auch von dem Mut des Einzelgängers, den sein Vater bewies. Es gibt keinen wirklichen Abschied im Leben.

Troy Blacklaws:

Malindi. Roman. Aus dem Englischen von Michael Kleeberg. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2008. 286 S., 19,80 €.

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