Landleben : Der Fluss vergisst nicht

Norbert Scheuers stiller Roman über die Unerschütterlichkeit der Natur. Es ist eine graue und elegische (Bewusstseins-)Landschaft, die Norbert Scheuer entwirft, und doch ist sein Roman frei von Sentimentalität und jeglichen Klischees vom harten Landleben.

Christoph Schröder

Hermann ist verrückt geworden. Jedenfalls gemessen an den Kriterien seiner Umwelt. Aus seinem Zimmer hat man ihn herausgeholt; dort stank es nach vergammelten Fleisch, in Einmachgläsern wimmelten die Maden. Seinen Mund hatte Hermann sich wie ein Fischmaul geschminkt; auf dem Tisch lagen Angelgeräte. Und unten rauscht, wie eh und je, der Fluss. Der Fluss, der alles überrauscht, ist das Grundgeräusch von Norbert Scheuers stillem und eindringlichen Roman, der subtil und wenig spektakulär vom allgemeinen Niedergang erzählt.

Die Ausgangssituation wird gleich zu Beginn festgelegt: Es ist das Jahr 1996, der Erzähler Leo, ein Mann von 45 Jahren, kehrt in sein Heimatdorf in der Eifel zurück, in den Gasthof mit angeschlossener Pension, der einstmals von den Eltern geführt wurde. Aber da fängt es schon an: Was heißt Eltern? Die große Liebe der Mutter starb bei einem Autounfall; seitdem pflegte sie wechselnde Männerbekanntschaften. Der Vater des Ich-Erzählers und des um zwei Jahre älteren Hermann war möglicherweise ein umherreisender Handelsvertreter. Der Mann, den die schöne Mutter schließlich geheiratet hat, spricht zunehmend dem Alkohol zu; ansonsten geht er mit den Söhnen zum Angeln und träumt vom großen Fisch, einem gewaltigen Urwesen, das sich angeblich im Fluss befinden soll.

Die Gewalt war für Leo und seinen Bruder an der Tagesordnung; nachts lagen sie wach in ihrem Zimmer und hörten, wie „Mutter mit einem ihrer Liebhaber die knarrende Treppe zu einem der Gästezimmer hinaufging, dass Vater betrunken genug war, um das nicht mehr ertragen zu können, und Streit mit der Mutter suchte, sie schlug, dann nackt durch das Haus jagte, zur Mansarde, sich dort mit ihr einschloss und sie fickte, sie ebenso windelweich fickte, wie er sie zuvor geschlagen hatte. Trotzdem behaupte ich, dass mein Vater ein guter Mensch war.“ Nun also ist Leo zurück gekehrt, weil Hermann sich eingeschlossen hat in seinem Zimmer und freiwillig nicht mehr herauskommt. Und auch die Erinnerungen kehren zurück.

Es ist eine graue und elegische (Bewusstseins-)Landschaft, die Norbert Scheuer entwirft, und doch ist sein Roman frei von Sentimentalität und jeglichen Klischees vom harten Landleben. Mentalität und Geografie gehen eine schlüssige Verbindung ein; der Wandel einer Landschaft – zunächst von einem infrastrukturell nicht erschlossenen Gebiet hin zu einer touristisch reizvollen Kulisse, dann zu einem Landstrich, dem ein Politiker in schönem Euphemismus „Strukturschwäche“ attestieren würde – ist das Abbild eines gesamtgesellschaftlichen Umbruchs, der sich in Biografien und Einzelschicksalen manifestiert. Nicht umsonst hat der längst verstorbene Vater (die Mutter wohnt im Altersheim; die darbende Gaststätte wird von den Töchtern und einer Küchenhilfe notdürftig weitergeführt) an einer Chronik der Region gearbeitet, die, versteht sich, nie einen Abschluss gefunden hat.

Doch das ist nur eine Seite von Scheuers kurzem, vielschichtigem Roman. Nicht umsonst betont der Autor im Nachwort: „So sind auch die in dieser Geschichte vorkommenden Landschaften, Dörfer und Flüsse nicht unbedingt im realistischen Sinn identisch mit der Geografie der Eifel, sondern sie sind ebenso, wie auch alle vorkommenden Personen, Teil einer fiktiven inneren Welt.“ Es haftet Scheuers eher nüchterner Sprache und vor allem den dem Roman beigefügten Zeichnungen und Kurzcharakteristiken von einzelnen Fischarten eine den Dingen des Alltags enthobene Schönheit an.

„Überm Rauschen“ ist eine naturmystische Ebene eingeschrieben, die den Fluss und seine Bewohner als kollektives Gedächtnis in Szene setzt, als „eine Matrize, auf der sich alles unentzifferbar einritzt“. In dieses System sind Kindheitserlebnisse, Erinnerungen eingeordnet: die erste Liebe Alma, die es eigentlich immer nach Frankreich gezogen hatte, in eine Sehnsuchtsferne, und die Leo lange Zeit mit seinem Bruder Hermann teilte. Oder auch die Angeltage mit dem Vater im und am Fluss.

Hermann, der eingestandenermaßen intelligentere der beiden Brüder, blieb zunächst im Dorf, fuhr später zur See und kam zurück, um sich als Arbeiter verdingen zu müssen. Leo machte Abitur, studierte und erhielt regelmäßig Kassetten des Bruders, die Aufschriften trugen wie „Sommerregen“, „Gumpe“, „Geruch des Wassers“; darauf Gemurmel, Stimmen, Beschreibungen – Nachrichten aus einer anderen Welt, in der das Dasein mit beängstigender Zwangsläufigkeit in ein Terrain führen musste, das man Krankheit nennt.

Norbert Scheuer: Überm Rauschen.

Roman. Verlag C.H. Beck, München 2009. 168 Seiten, 17,90 €.

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