Literatur : Leben aus der Box

Emma Braslavsky erzählt „Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik“

Jörg Magenau

Am 11.11.1982 begann wie jedes Jahr die Karnevalszeit. Doch die Ost-Narren hatten es schwer. Am Tag zuvor war der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew gestorben, in der DDR herrschte Staatstrauer. Im thüringischen Lauterbach wachte ein Polizist über die Trauerbereitschaft und schiss all die kleinen Sheriffs, Indianer und Pipi Langstrumpfs zusammen: Verkleiden galt an so einem Tag als Pietätlosigkeit. In diesem Szenario von staatlichen Verordnungen, flüchtigen Identitäten und kindlichem Trotz siedelt Emma Braslavsky das Geschehen ihres zweiten Romans „Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik“ an. Sieben sehr verschiedene Geschwister kommen zur Beerdigung ihrer Mutter, die 1945 aus Schlesien kam und auf der Flucht in den Westen hier landete. Amerika blieb ihr Lebenstraum, den die Kinder nun einlösen wollen.

Weil sie von drei verschiedenen Vätern abstammen und ihre Herkunft, bedingt durch die Flucht und das Schweigen der Mutter, nicht kennen, fehlt den Geschwistern das Verbindende. Diesen Schluss legt Braslavsky nahe, indem sie ihre Figuren demonstrativ unterschiedlich anlegt: Ein Bruder ist NVA-Offizier und stottert. Ein anderer kommt aus West-Berlin, wo er Sozialhilfe bezieht. Um über die Grenze zu gelangen, hat er sich als Frau verkleidet. Der dritte ist Pfarrer und spricht salbungsvoll. Eine Schwester blieb bei der Mutter im Dorf, eine lebt als ziegenzüchtende Aussteigerin auf dem Land, eine andere hat nach Berlin geheiratet. Und dann ist da noch die aus Braslavskys Debüt „Aus dem Sinn“ bekannte Ex-Musikerin Anna aus Erfurt, der Geburtsstadt der 37-jährigen Schriftstellerin, die heute selbst in Berlin lebt.

Während sich alle um die aufgebahrte Leiche der Mutter versammeln, denken sie reihum über die Familiengeschichte nach, vor allem aber über Großmutter Esther, die 1939 spurlos verschwand und deren Leben hinter Legenden verborgen blieb. Zum Chor der wechselnden Stimmen gesellt sich noch der älteste Bruder, der zehn Jahre zuvor auf mysteriöse Weise ums Leben kam und jetzt als Erzählergeist über dem Geschehen schwebt. Sehr seltsam. Angeblich, so behauptet er, hatte sein Tod etwas mit dem Familiengeheimnis zu tun.

Braslavsky erzählt die Geschichte in acht Variationen an der Grenze zwischen Überlieferung und Vermutung, Fakten und Fantasie, Sinnlichem und Übersinnlichem. Das bedeutungsschwer inszenierte Familiengeheimnis entpuppt sich als hohle schlesische Wundergeschichte: Ein Heiliger, der so aussieht wie Lenin, spielt dabei eine Rolle, Sozialismus und Katholizismus verschmelzen. Der zeitgeschichtliche Rahmen ist von 1919 bis 1982, von Lenin bis Breschnew, vom Aufstieg bis zum Niedergang des Sozialismus, abgesteckt.

Doch es handelt sich um keinen politischen oder historischen Roman. Braslavsky sammelt lieber Skurrilitäten ein und löst die konkrete Geschichte in Anekdoten auf. Im Mittelpunkt steht folglich der Wellensittich der Mutter, der, als wäre er ihr gefiederter Geist, der Beerdigungsgesellschaft in die Kirche folgt und dort an der Leiche herumpickt. Weil die Mutter im Fernsehen immer Western anschaute, gibt er dazu Sätze wie „Hängt ihn höher“ oder „Ich will ihn lebend“ von sich.

Diese Art Humor muss man mögen, um den Roman ertragen zu können. Mutter und Großmutter, so viel wird klar, waren emanzipierte Frauen, in deren Leben Männer stets nur Unglück bedeuteten und deshalb rasch verschwanden. Das traumatisierende Ereignis aller acht Mutmaßungen ist eine Vergewaltigung der Großmutter durch den Großvater vor den Augen ihrer Kinder – eine Szene, die mit dem unterschiedlich ausfantasierten Tod des Großvaters endet. Diese Motivkette und die Dominanz des Weiblichen erinnert an Romane von Kathrin Schmidt, die das derbe, dralle Erzählen aber besser beherrscht. Oder an Günter Grass, der einen ähnlichen Humor pflegt und zuletzt in „Die Box“ ja auch die ganze Kinderschar zum kollektiven Erzähler gemacht hat.

Doch wie Grass scheitert auch Braslavsky, weil es ihr nicht gelingt, Interesse für die Vielzahl der Stimmen als eigenständige Figuren zu erwecken. Ihr Tonfall schwankt unentschieden zwischen innerem Monolog und einem nach außen gerichteten Erzählen, ist aber weder das eine noch das andere. Weil sie nicht in ihren Lebenswelten gezeigt werden, bleiben sie so blass und konturlos, wie auch die Zeitgeschichte undeutlich bleibt – ganz egal ob es sich um „Drittes Reich“, Flucht oder DDR-Gegenwart handelt. So groß der Bedarf an Erzählungen aus dem deutschen 20. Jahrhundert zu sein scheint, so unbefriedigend ist „Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik“ auch in dieser Hinsicht. Die Zeitgeschichte ist ihm nur Spielmaterial. Sie wird entwirklicht zur Legende. Der umgekehrte Weg wäre aufschlussreicher.

Emma Braslavsky: Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik. Roman. Claassen Verlag, Berlin 2008. 392 Seiten, 19,90 €.

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