Leipziger Buchmesse : Aufsteiger der Renaissance

Guido Beltramini nähert sich in der Künstlerbiographie "Palladio" dem großen Renaissance-Baumeister an.

Bernhard Schulz

Als einen „Mann von einzigartigem Talent und einer ebensolchen Urteilskraft“ hat ihn schon Vasari 1568 gerühmt, der Verfasser der ersten und jahrhundertelang gültigen Künstlerbiografien: Andrea Palladio (1508-1580), den gelernten Steinmetz und genialen Baumeister, diesen Außenseiter unter all den Künstler-Architekten der Renaissance. Und doch ist Palladios Nachwirken ungleich größer, hat er doch einen Stil, ja mehr noch eine Arbeitsweise begründet, die in alle Welt ausstrahlten. Doch über sein Leben wissen wir wenig; nicht einmal zuverlässig, wie er ausgesehen hat. Da war es im vergangenen Jahr eine Sensation, als Guido Beltramini, seit 1991 Direktor des Palladio-Studienzentrums in Vicenza, zum 500. Todestag des Architekten ein Gemälde El Grecos präsentierte, das mit guten Gründen als authentisches Porträt angesehen werden kann. Beltramini ist es auch, der ein schmales, doch ungemein inhaltsreiches Buch geschrieben hat, dessen Titel „Palladio. Lebensspuren“ die Schwierigkeiten einer gesicherten Biografie deutlich macht.

Es ist die Vertrautheit Beltraminis mit den Protagonisten der Renaissance in Vicenza und Padua – der Geburtsstadt des Baumeisters –, die sein Buch so anschaulich macht; auch und gerade da, wo er mit Hypothesen arbeiten muss. Denn die Dokumente sind lückenhaft, die den Weg vom Steinmetzlehrling zum Kenner der Antike begleiten. Wie aber mit einem Mal Giangiorgio Trissino, der Humanist, Förderer und sogar Namensgeber des jungen Andrea, lebendig wird mit all seinen familiären Umständen, das schafft jene Atmosphäre, in der die stets hinter dem Werk zurücktretende Figur Palladios greifbar wird. Auch dessen eigenes Familienleben war belastet; Beltramini berichtet, dass sein ältester Sohn ein Gewalttäter war und sein zweiter als Sympathisant der Reformation verfolgt wurde. Das ist dennoch wenig im Vergleich zu den mörderischen Familienfehden, die Trissinos Söhne ausfechten, und die das damalige Gewaltpotenzial hinter aller antikisierenden Vornehmheit beleuchten.

Palladio wurde durch seine Arbeit nicht reich. Auch die sozioökonomische Seite weiß Beltramini aus den Dokumenten zu rekonstruieren. In Vicenza hatte er Neider, die ihm beständig das Amt als Baumeister des Stadtpalastes, des berühmten Palazzo della Ragione zu entziehen trachteten, seiner lebenslang einzigen ständigen Einkommensquelle. In Venedig, wo Palladio mehr und mehr baute, gelang es ihm 1570 nicht, zum Staatsarchitekten der Republik berufen zu werden, obschon er kurz zuvor mit den „Quattro libri“ das bleibende Lehrbuch der Architektur veröffentlicht hatte. Und schon mit seinem Tod, dessen Datum so ungenau überliefert ist wie der Ort oder gar die genaue Ursache, verliert sich Palladio im Nebel der Geschichte, aus der sich der Nachruhm eine ideale Gestalt zurechtlegen sollte. Bernhard Schulz

Guido Beltramini:
Palladio. Lebensspuren. Aus dem Italienischen von Victoria Lorini.
Verlag Klaus Wagenbuch, Berlin 2009.
120 Seiten, 14,90 €.

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