Leipziger Buchmesse : Das Glück und seine Teile

Die Nachgeborenen der russischen Revolution: Wassili Grossmans Erzählungen „Tiergarten“.

Ulrike Baureithel

Der Aufstieg von Wassili Grossmans epochalem Geschichtspanorama „Leben und Schicksal“ in den Literaturolymp beruht auf einem glücklichen Fund. In der Sowjetunion Anfang der sechziger Jahre zunächst einkassiert, wurde eine aus Russland unvollständig herausgeschmuggelte Kopie des Manuskripts 1980 in der Schweiz zwar im Original veröffentlicht, im ideologischen Sperrfeuer des Ost-West-Konfikts jedoch wenig wahrgenommen. Wie im Falle von Warlam Schalamow, dessen Existenz das breite Publikum gerade erst zur Kenntnis zu nehmen beginnt, musste auch für Grossman die Zeit noch reifen.

2007 erschien „Leben und Schicksal“ erstmals vollständig auf Deutsch. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand haben wir uns daran gewöhnt, die Schrecken der Nazizeit, aber auch des Gulagsystems etwas niedriger temperiert zu beurteilen. Für Chronisten wie Schalamow oder Grossman ist das ein unschätzbarer Gewinn, weil sich nun der Blick öffnet für ihre kompromisslose Zeugenschaft der Entmenschlichung, die sich nur im ästhetischen Anspruch und im Grad des moralischen Nachdrucks unterscheidet.

In dem Erzählungsband „Tiergarten“der dem Monumentalepos nun folgt, begegnet man einem Grossman der leisen Töne und kleinen Schicksale. Durch persönliche Katastrophen nehmen sie eine jähe Wendung und werfen ein „klares Licht auf das Leben in seiner Gänze“. Im Unterschied zum Roman, in dem der Krieg das wesentliche schicksalhafte Ereignis ist, tritt dieser in den zwischen 1930 und bis kurz vor dem Tod des Autors 1964 entstandenen Geschichten eher selten als Akteur in Erscheinung.

Mehrheitlich sind es die Wechselfälle des Lebens, die die Protagonisten in Bewegung setzen. So ist in der Erzählung „Generationen“ der Tod des Bruders Kolja, der Marija Andrejewna sich selbst und die in der Provinz lebende Familie in einem neuem Licht erscheinen lässt. In „Elch“ schließt eine schwere Krankheit Dimitri aus dem Kreis der Lebenden aus, und in der Schlusserzählung „Wenn alles einstürzt“ kehrt der Tod einer alten Tante die niedrigsten Instinkte der um ihr Erbe besorgten Familie hervor. Das „Moskauer Gefühl“ wirft sich auf gegen ungebildete „Landeier“, aber auch die revolutions- und bürgerkriegsgeprägte Generation fühlt sich abgehängt von den Nachgeborenen.

Vergessen sind die Maladen wie Dimitri oder alt gewordene Heroinen wie Anna Borrisowna in „Die Mieterin“: „Keiner kam zum Krematorium, als ihr Körper verbrannt wurde.“ Gleichzeitig werden die Jüngeren beherrscht von der allgegenwärtigen Furcht vor Denunziation, die die „Sieger“ von heute in Verlierer von morgen verwandelt. Echte Freundschaft und Teilnahme sind seltene Güter. Das „fröhliche glückliche Ganze“, heißt es programmatisch in der Erzählung „Großer Moskauer Ring“, konnte jederzeit „in Einzelteile zerfallen“.

Das Misstrauen des Erzählers gegenüber der großen Geschichte und ihren Protagonisten drückt sich darin aus, dass er die Schwächsten in die Chronistenrolle hebt, Alte und Kranke, aber vor allem Kinder und Tiere: Nadja lässt er vom Schicksal der Kleinkinder berichten, deren Eltern in der Sowjetunion in Ungnade gefallen sind und in Heimen oder bei Adoptiveltern aus der Nomenklatura aufwuchsen; Mascha wird im Krankenhaus Zeugin eines ganz anderen Lebens, das sich „bei uns im Dorf“ abspielt.

Das Maultier Guì in „Die Straße“ oder das Gorillaweibchen Fritzi aus dem Berliner Zoo in der Titel gebenden Erzählung „Tiergarten“ aber sind die eigentlichen Seismographen. Guì steht für die immerwährende Fron des Menschen, die sich nur durch die Anteilnahme der nächsten Leidensgenossen ertragen lässt. Fritzi und die übrigen eingesperrten Zootiere sind wie das Schlachtvieh, das ihnen zum Fraß vorgeworfen wird, in ihrer Recht- und Hilflosigkeit unschwer erkennbar als die KZ-Insassen von Treblinka, denen Grossman im Roman ein unvergessliches Denkmal gesetzt hat.

In der Gefangenschaft abgestumpft, haben sie wie die Todgeweihten trotz allem die Sehnsucht nach Freiheit nicht verloren und harren unruhig der Befreiung. „Tiergarten“ nimmt wie die Erzählung „Abel“, die von der Verantwortung des Order ausführenden Piloten für den Abwurf der ersten Atombombe handelt, eine Sonderstellung ein. Sie lassen nicht nur das Terrain der russischen Gesellschaft hinter sich, sondern entwickeln eine besondere Leuchtkraft: Die Szene, in der das Vieh ins Schlachthaus geführt wird, gehört zu den eindrucksvollsten des Bandes. Etwas pathetisch-befremdlich, da ist dem ansonsten vorzüglichen Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein zu widersprechen, wirken dagegen jene Erzählungen, in denen die mütterliche Sorge zum Symbol des Menschlichen stilisiert wird, vor allem in der Ich-Erzählung „Die Sixtinische Madonna“.

Das Raffael-Gemälde erscheint Grossman als der „atheistischste Ausdruck des Lebens“, den Anblick der Mutter setzt er gleich mit den Gaskammern von Treblinka. Man mag dies aus der tief empfundenen Verstörung eines Mannes erklären, der als Berichterstatter den Krieg an vorderster Linie dokumentierte und seine Mutter bei der Auslöschung seiner Heimatstadt Berditschew nicht retten konnte. Die Schuld und Rechtfertigung der Überlebenden gegenüber den Toten ist in vielen der Erzählungen implizit präsent.

Die in diesem Zusammenhang angenehme Dezenz wird manchmal leider aufgegeben, manches kommt zu explizit daher und stört die poetische Fantasie. Grossman, einst ein glühender Kommunist, hat sich zum aufklärerischen Humanisten gewandelt und den Sieg der „dritten Sache“ verworfen zugunsten des Rechts des Einzelnen. Am überzeugendsten ist er dabei dort, wo er sich auf die Lakonie des Berichterstatters verlässt.

Wassili Grossman: Tiergarten.
Erzählungen. Aus dem Russischen von Katharina Narbutovic. Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein. Claassen, Berlin 2009. 336 Seiten, 24,90 €.

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