Leipziger Buchmesse : Das Grün im Nebel

Irina Korschunows erzählt in ihrem schonungslosen Roman "Langsamer Abschied" die Geschichte einer Frau an der Seite eines Komapatienten.

Katrin Hillgruber

Wenn Irina Korschunow mit ihrem 22 Jahre alten weißen Mercedes im Münchner Vorort Gauting um die Ecke biegt, dann lässt das Kenner ihres Werks unwillkürlich an ihren Fernsehfilm „Der Führerschein“ denken. Zu viele Erinnerungen verbinde sie mit dem pontonförmigen Fahrzeug, als dass sie es für die Abwrackprämie opfern würde, verrät sie. Fünfzig Prozent Einschaltquote erzielte 1978 der tragikomische Emanzipationsversuch via PKW der Hausfrau Lotti Riehl, glaubwürdig und sympathisch dargestellt von Witta Pohl.

Mit dem Argument, sie könne nicht einmal das Garagentor aufschließen, wollte Irina Korschunows eigener Mann, ein Naturwissenschaftler, sie damals nicht hinters Steuer lassen – ein Satz, der wie viele andere ins Drehbuch einfloss. Dazu angeregt hatte sie Hans Prescher, ein Studienfreund aus Göttingen und seinerzeit Fernsehspielchef des Hessischen Rundfunks. Am Ende hat Lotti ihrem strenggescheitelten Gatten nicht nur den Führerschein abgetrotzt, sondern auch eine Halbtagsstelle als Sprechstundenhilfe – vor dreißig Jahren ein ungeheurer Sieg. Die Alltäglichkeit dieses Stoffes, die Lebensechtheit der Figuren, in die sich Millionen Zuschauer und Leser hineinversetzen konnten, sind seit jeher Markenzeichen der Schriftstellerin Irina Korschunow.

Das beweist auf ebenso stille wie triumphale Weise ihr jüngster Roman „Langsamer Abschied“. Er ist im Gegensatz zu Vorgängern wie „Ebbe und Flut“ oder „Der Eulenruf“ ganz im Hier und Jetzt angesiedelt. „Ich wollte diesmal keine Zeitgeschichte schreiben, sondern nur die Geschichte zweier Menschen“, erklärt Irina Korschunow. Sie tut dies mit großer Klarheit und novellistischer Strenge. „Glück hat seinen Preis“ heißt eine historische Familiensaga, mit der die erfolgreiche Kinderbuchautorin („Die Wawuschels mit den grünen Haaren“) 1983 ihr Debüt für Erwachsene überschrieb. Glück hat seinen Preis – diese Formel gilt in bitterster Weise auch für die Ich-Erzählerin Nora Lohring in „Langsamer Abschied“.

Hilflos muss die passionierte Kunsthistorikerin mitansehen, wie ihre Ehe mit dem Physikprofessor Pierre, geschlossen im Mai 1968 in heiteren Göttinger Studententagen, durch einen Autounfall zu zerbrechen droht. In der Nacht vor dem Unglück beschwört Pierre sie in ihrem Domizil in der Lüneburger Heide, ihn niemals zu verlassen. Tags darauf fällt er ins Koma. Sein Wunsch gerät für Nora zum Befehl. Wie manche Korschunow-Heldin vor ihr muss sie sich ihr Glück hart erkämpfen, was ihr erst in der befreienden Schlussszene gelingt.

Das Unbewusste spiele für sie eine große Rolle bei der Motivfindung, sagt Irina Korschunow, die sich niemals über ihre Protagonisten erhebt. An Silvester 1925 wurde sie in Stendal als Tochter einer Kielerin und eines russischen Revolutionsflüchtlings geboren: „Ich bin emanzipiert gewesen, als die anderen Leute das Wort noch gar nicht kannten. Ich war oft gezwungen, emanzipiert zu sein durch Krieg und Flucht. Ich musste mir mein Studium selbst verdienen und habe später als Ehefrau und Mutter immer durchgesetzt, auch Schriftstellerin zu sein.“ Unter der Rubrik „Kinderbuchautoren stellen sich vor“ schrieb sie 1973 in der „Süddeutschen Zeitung“: „Da saß ich nun zu Hause, mit einem Staubtuch in der Hand und einem langen Leben vor mir.“ Dabei sollte es nicht bleiben: Viele Facetten ihres bewegten Lebens ließ sie indirekt in ihr Werk einfließen.

Vor sieben Jahren war Korschunows letzter Roman „Das Luftkind“ erschienen, der Schicksalsweg einer märkischen Adeligen in der Nazi-Zeit. Früher war die Autorin in alpine Klausuren geflüchtet, um ihre bevorzugt norddeutschen Seelen- und Landschaftspanoramen zu entwerfen. Doch diesmal blieb sie nach einer längeren Schreibpause bewusst in ihrem Haus in Gauting: „Ich hatte erst ein völlig anderes, historisches Thema. Und dann fiel mir diese Geschichte ein, die mir geläufig war. Die wollte von mir geschrieben werden, und so ist es dann auch gekommen.“ Zum Glück ihrer Lesergemeinde. Ihr wird es schwerfallen, dieses so spannende wie schonungslose Buch aus der Hand zu legen. Auf dem Umschlag von „Langsamer Abschied“ prangt ein grünes Blatt. An den Rändern verschwimmt es – ins Ungefähre, wo auch das Bewusstsein des Komapatienten Pierre zu vermuten ist.

Irina Korschunow: Langsamer Abschied. Roman.

Hoffmann & Campe,

Hamburg 2009.

160 Seiten, 16,95 €.

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