Leipziger Buchmesse : Die Alten dominieren den Betrieb – trotz aller Hegemanie

Abschreiben? Lesen! Denn gute Bücher gibt es trotzdem. Man muss sie nur aufstöbern, und der Leipziger Buchpreis bietet dafür eine gute Ausgangsposition. Selbst wenn Hegemann, Grass und Walser einen Großteil der medialen Leipziger Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden.

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LeipzigWenn an diesem Donnerstagnachmittag der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben wird, dürfte es wieder einmal nur ein Thema geben: Helene Hegemann und ihr umstrittener, je nach Sichtweise unter schwerem Plagiatsverdacht stehender oder kunstvoll intertextualisierter Roman „Axolotl Roadkill“. Da ist es egal, wer in den Kategorien Sachbuch und Übersetzung gewinnt, da können ruhig die in der Belletristik favorisierten Autoren Lutz Seiler und Georg Klein gewinnen oder die gleichfalls nominierten Anne Weber und Jan Faktor. Georg Klein? Anne Weber? Hat jemand in diesem Frühjahr schon einmal ihre Namen gehört?

Es ist ein Charakteristikum dieses Bücherfrühlings, dass bei dem ja nicht nur in den Feuilletons geführten Streit um Helene Hegemann alle anderen aktuellen Hervorbringungen in der deutschsprachigen Literatur ins Hintertreffen geraten. Umso mehr, da nach den letzten Hegemann-Gefechten zwei große Altvordere der deutschen Nachkriegsliteratur mit neuen Büchern auf den Plan getreten sind: Günter Grass mit dem von dem Journalisten Kai Schlüter herausgebrachten Band über seine Stasi-Akte; und Martin Walser erst mit seiner neuen Novelle „Mein Jenseits“ und kurz darauf dem ungleich mehr Aufsehen erregenden dritten Band seiner Tagebuchaufzeichnungen „Leben und Schreiben“, in dessen Zentrum die Auseinandersetzung mit Marcel Reich-Ranicki steht.

Zwischen „Axolotl Roadkill“ und Grass und Walser aber gibt es: nichts. Zumindest konnte man diesen Eindruck in den letzten Wochen bekommen, was natürlich seine Gründe hat. Denn Grass und Walser sind immer für einen Aufreger gut. Nicht zuletzt standen beide im vergangenen Jahrzehnt immer wieder im Mittelpunkt erregt geführter Debatten, die weit über die Literatur hinausgingen. Grass vor allem mit dem Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ und seiner späten SS-Mitgliedschaftsenthüllung; Walser mit seinem von Frank Schirrmacher unter Antisemitismus-Verdacht gestellten Abrechnungsroman mit Marcel Reich-Ranicki, „Tod eines Kritikers“.

Grass und die Observation durch die Stasi. Walser und der Schmerz, den ihm Kritiker zufügten, seine Streitlust, seine Harmoniesucht – darin steckt eben doch mehr Erregungspotenzial, auch für die Literaturöffentlichkeit, als beispielsweise in einem noch so ambitionierten Roman einer Kindheit in einer kleinen süddeutschen Stadt, wie bei Georg Klein; oder in dem noch so sehr seine Figur und möglicherweise auch seine Autorin aufs peinlichste entblößenden Roman einer Liebesbeziehung, wie bei Anne Weber.

Leider funktioniert auch Literaturkritik manchmal nach solchen Kriterien, hat auch Literaturkritik die Sehnsucht nach größtmöglicher Aufmerksamkeit, nach gesellschaftlicher Relevanz. Da muss sie dann auch schon mal zuständig sein für den persönlichen Bericht eines Burnouts wie jenen von Miriam Meckel, selbst wenn dieser mit allem zu tun haben mag, nur nicht mit Literatur. Und so wird dann manche Debatte viel größer aufgezogen als notwendig, mit großen Gesten, mit Schuldzuweisungen und gegenseitigen Bezichtigungen. So als es etwa darum ging, Volker Weidermann mit seinem Literaturlexikon „Lichtjahre“ in die Schranken zu weisen, die Empathiker-Gnostiker-Debatte. Oder Frank Schirrmacher seinen Offenen Brief an Martin Walser schrieb und ihn des Antisemitismus’ zieh, bevor „Tod eines Kritikers“ seinerzeit auf dem Markt war.

Genau nach diesen Mechanismen ist auch die Plagiatsdebatte um Helene Hegemann geführt wurden, in deren Kern es ja um die Grundfesten der Schriftkultur geht, in deren Rücken das Internet als böser, schwer zu durchschauender Feind lauert. Nur: Sind jetzt überall Hegemanns und junge literarische Remixer am Werk? Ist es wirklich ein Lustgewinn und kreativ befriedigend, sich mit fremden Federn zu schmücken? Und ist tatsächlich, wie Grass & Co. in ihrer „Leipziger Erklärung“ warnen, das Urheberrecht in Gefahr?

Dass „Axolotl Roadkill“ schon vor der Entdeckung, dass Hegemann bei Airens „Strobo“ abschrieb und die Quelle nicht nannte, so abgefeiert wurde, liegt tatsächlich an äußerlichen Signalen und Schlüsselreizen. Berlin. Eine 17-jährige Autorin. Berghain. Drogen. Kulturbetrieb. Und daran, dass eben das Porträt (die meisten „Axolotl-Roadkill“-Lobeshymnen waren eingebettet in Autorinnenporträts) einer 17-jährigen mehr hergibt als das einer relativ langgedienten Schriftstellerin wie der 42-jährigen Anne Weber. Und daran, dass es in diesem Frühjahr nicht einmal ein Daniel-Kehlmann- oder Judith-Hermann-Buch gibt, dass dieses Frühjahr nach einem fulminanten Bücherherbst kein spektakuläres, sondern ein lediglich solides ist.

Gute Bücher gibt es trotzdem. Man muss sie aufstöbern, und der Leipziger Buchpreis bietet dafür eine gute Ausgangsposition. Selbst wenn Hegemann wider Erwarten diesen Preis bekommen sollte, wenn Grass und Walser einen Großteil der medialen Leipziger Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden, kann die Aufforderung nur lauten: Klein lesen! Weber lesen! Faktor lesen! Seiler lesen!

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