Leipziger Buchmesse : Eiswüsten

Andrea Maria Schenkel schreibt in ihrem neuen Krimi "Bunker" über die Entführung einer jungen Frau.

Joachim Huber

Bereits ein Markenzeichen. Die Titel der Bücher von Andrea Maria Schenkel brauchen nur ein Wort. „Bunker“ heißt das dritte nach „Tannöd“ und „Kalteis“. Die ersten beiden Romane, die Autorin legt Wert auf die Feststellung, dass ihre Bücher keine „Krimis“ seien, transferierten authentische Fälle in neue Zeit-Umstände. „Bunker“ tut das nicht, „Bunker“ ist reine Fiktion. Eine junge Frau, Monika heißt sie, wird auf ihrer Arbeitsstelle entführt, in eine Mühle mit angeschlossenem Bunker gebracht. Dort wird sie tagelang gefangen gehalten, die Motive des Entführers, er nennt sich Dimitri, bleiben für den Leser verdeckt.

„Bunker“ leiht sich nichts aus den realen Fällen von Fritzl, Kampusch oder Dutroux, trotzdem lässt der Roman den Leser Anschlüsse finden. All das, was Opfer von Entführungen erleben, empfinden, erleiden, all das, was die Täter planen, beabsichtigen – wer an solchen Rekonstruktionen Interesse hat, der kann bei „Bunker“ auf seine Rechnung kommen. Permanent werden Leerstellen gefüllt. Hier, bei Schenkels drittem Roman, verknoten sich die Biografien der beiden einzigen Protagonisten. Je weiter sich das Geschehen auf der Zeitachse nach vorne bewegt, desto intensiver rollt es in beider Vergangenheit zurück. Monika ist in den gewaltsamen Tod ihres kleinen Bruders verwickelt gewesen, hat aber durch ihre Aussage den Dorfdeppen Hans mit ins Gefängnis gebracht. Allmählich überwältigt sie die Überzeugung, dass Dimitri eigentlich Hans ist. Dimitri hatte einen sehr gewalttätigen Vater, der die Mutter und ihn verprügelt hat. Dimitri war im Knast, ein schwerer Fall wie Monika selbst.

Andrea Maria Schenkel zeigt, erneut nur über die erneut selbstbewusst schmale Zahl von 128 Seiten, an den Personen und deren Persönlichkeit um Längen mehr Interesse als am Geschehen. Wie sie das macht, das ist blanke Dramaturgie. Beider Ich-Erzählungen sind voneinander ab- und in eigener Schrifttype gesetzt, dazu kommt eine dritte, die im Nachrichtendeutsch eine weitgehend objektive Schilderung des Endes der Entführung zur Absicht hat. Die Rückfahrt ins eigene Ich wie die gemeinsame Reise in irgendeiner Gegenwart sollen sich zu einem packenden Katz-und-Maus-Spiel zweier verwüsteter Seelen aufbauen, legen aber bloß das Genie der Stapelkunst frei: Bombast-Biografien werden aufgeschichtet, pappig und beliebig und ausgedacht. Von der dramaturgischen Überzeugungskraft einer mittelmäßigen „Tatort“-Folge.

„Bunker“ hat nur eine Stärke, das ist die Sprache der Andrea Maria Schenkel. Es ist die Lakonie der Eiswüste, spektakulär unspektakulär, und dabei als trostloses Protokoll beunruhigend. Kalt und feucht ist es im „Bunker“, und es stinkt nach Mäusepisse.


Andrea Maria Schenkel: Bunker.
Roman. Edition
Nautilus, Hamburg 2009. 128 S., 12,90 €.

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