Leipziger Buchmesse : Haut, aber herzlich

"Nackt", die frühen Memoiren von Oscar-Preisträgerin Diablo Cody warten mit drastischem Humor und Selbstironie auf.

Jan Schulz-Ojala

Diese Frau lässt nichts anbrennen. Brook Busey, besser bekannt unter ihrem teufelsschwänzigen Pseudonym Diablo Cody, hat nicht nur mit 29 Jahren für „Juno“, ihr erstes Drehbuch, den Oscar geholt; sondern seither nach einer Idee von Steven Spielberg die Sitcom „United States of Tara“ entwickelt, Konzepte für TV-Shows und Serien entworfen – und der nächste Kinofilm nach einem Cody-Drehbuch ist auch schon fast fertig: „Jennifer’s Body“, die Horror-Komödie um eine kannibalische Cheerleaderin, mit Megan Fox in der Hauptrolle.

Nun wird in Deutschland, in der schnoddrig-süffigen Übersetzung von Teja Schwaner, Codys Frühwerk nachgereicht: „Candy Girl“, die Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, die sich aus Ekel gegenüber ihrem Werbeagentur-Job und zwecks Bekämpfung absehbarerer Zukunftslangeweile ein Jahr lang als Stripperin austobt. Ihr „schmutziges kleines Geheimnis“ hat Diablo Cody diese Erfahrung einmal genannt, und weil nichts aufregender ist als schmutzige kleine Geheimnisse, hat der deutsche Verlag das Werk unter dem Titel „Nackt“ und in knallorangefarbenem Umschlag an die ganz große Glocke gehängt. Genre: „ein Enthüllungsroman“.

Der Titel, nicht gerade weit hergeholt, trifft vorzüglich die eher deskriptive als analytische Atmosphäre, die in diesen 273 luftigen Seiten regiert; und er setzt auf jene Oberfläche aus Haut und – reichlich rauer – Herzlichkeit in den wechselnden Clubs, die Cody mit nie nachlassender Frische beschreibt. Minneapolis und seine männlichen Bewohner, die den „spröden Humor der Endzeitgläubigen“ besitzen und Thermalunterwäsche tragen, „in deren Falten noch Stecknadeln lauern“, sind ihr Jagdrevier; vom Tanz an der Stange in der „Skyway Lounge“ über Lapdance im „Schieks“ und den intimeren Beddance im „Dreamgirls“ reichen die Geschäftsfelder der Ich-Erinnerin, bis sie sich via Peepshows und Telefonsex allmählich dem unmittelbaren Kundenkontakt entzieht. Dann: Burnout, Ausstieg, Häuserkauf. Und das Schreiben.

Ist „Nackt“ sexy? Am ehesten durch seinen drastischen Humor, seine Selbstironie, die mitunter aufblitzende Zärtlichkeit, mit der Cody die sonderbare Party betrachtet, auf der sich die Nachtseite der Männer und der Mädchen begegnen - und die sie auch selber auslebt, „furchtlos“ unmoralisch und mit unkaputtbarer Anfeuerungslust. Und beiläufig betont sie die Rolle, die ihrem Lover Jonny bei dem Große-Mädchen-Abenteuer zukam. „Er spielte Gitarre, er bereitete ein köstliches Kartoffelgratin, er trug angesagte Oberbekleidung, litt nicht unter Bindungsängsten oder sonstigen verbreiteten Jungmännerkrankheiten und benutzte teure Feuchtigkeitscreme. Viel mehr brauchte es nicht, um bei mir zu punkten.“

Ein paar Jahre lang war Brook Busey, irgendwann kam das Pseudonym dazu und später der Ruhm, mit ihrem Jonny sogar verheiratet. Aber das ist eine andere Geschichte. Jan Schulz-Ojala

Diablo Cody: Nackt. Roman. Aus dem Amerikanischen von Teja Schwaner.
Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 2009. 273 Seiten, 16,95 €.

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