Leipziger Buchmesse : Oh, wie zart ist Backenfleisch

Japanische Traditionen in der niederrheinischen Provinz: Christoph Peters besucht „Mitsukos Restaurant“.

Wend Kässens

Es ist der Einbruch des Fremden in die niederrheinische Vorstadtidylle. In den Theaterferien des Sommers 1992 geht Achim Wiese los, um die Umgebung des Ortsteils Gurschebach von A. zu erkunden, wo er am Theater „Herz und Hirn“ eine unsichere Position als Schauspieler hat. Plötzlich steht er vor dem Vereinsheim der Wanderfreunde Gurschebach, einer Waldschenke, über deren Eingang unübersehbar „Mitsukos Restaurant“ zu lesen ist.

Das japanische Lokal lässt Erinnerungen hochkommen: an sein jugendliches Interesse für das geheimnisvolle Land, das er aus den Samurai-Filmen Akira Kurosawas zu kennen glaubt. An seine Begeisterung für japanische Holzschnitzerei, seine Beschäftigung mit den Schriften des Kunstwissenschaftlers Okakura und dem Zen-Buddhismus Suzukis. Und daran, wie er 1984 mit seinem Freund Wolf nach dem Abitur von Cleve nach Düsseldorf fuhr, um eines der ersten japanischen Restaurants aufzusuchen: Das Geld reichte dann doch nur für eine indonesische Reistafel beim Chinesen. Seitdem hat er sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben geschlagen, als Hilfskoch, Helfer bei Kunstprojekten – während Wolf es zum Schönheitschirurgen an einer Privatklinik gebracht hat.

Achim und Wolf wundern sich bei ihren, bald regelmäßigen Besuchen nicht zu Unrecht über die japanische Küche im Gastraum mit rustikaler Eiche, den Biertresen und die, die daran sitzen, Steak mit Zwiebeln essen, die deutsche Schlagerparade aus dem Radio und die Pokale in den Regalen. Und erst die weißen Strümpfe und Sandalen des Wirts, der so gar nicht japanisch aussieht. Ein Hohn! Und schließlich die Japanerin in der Küche! In Japan eine klassische Männerdomäne, wie Achim weiß. Aber dann schmeckt das Essen unerwartet gut: „Er biss auf den Fischkopf, was im inneren Ohr ein Geräusch wie bei berstenden Kartoffelchips verursachte, Zunge und Gaumen allerdings entschieden vielgestaltigere taktile Reize bot: auf die mit Marinade vollgesogene Bratkruste folgte hauchdünner Schädel, weiter vorn waren die kleinteiligen Kieferspangen zu spüren, dazwischen leberweiches Hirn, zartes Backen- und kräftigeres Brustfleisch.“

Mitsuko, die Köchin, überzeugt ihn auch als Frau: „Außerordentlich schön war sie. Auch heute trug sie eine Kochmütze über gewelltem, nicht pechschwarzem, sondern kastanienbraunem Haar, das sie im Nacken locker zusammengebunden hatte. Selbst auf die Entfernung fielen Achim ihre vollkommen geformten, flach anliegenden Ohren auf, und er raunte: ,Hast du die Ohren gesehen?’ ,Ich glaube, dass sie das im Griff hat’, erwidert Wolf. ,Wie elfenbeinerne Netsuke.’“ Später erfahren wir, dass sie einem alten Samurai-Geschlecht entstammt.

Achim verfällt der acht Jahre älteren Mitsuko, er lässt sich als Hilfskraft in der Küche einstellen, um ihr nah zu sein, auch wenn sie später nicht ihn, sondern Eugen aus Birgelheim heiratet, ihren Partner im Lokal. Wolfs Blick auf Japan ist ein anderer, er ist den Japanern als Chirurg in heiklen Geschäften verbunden, indem er verstümmelte Finger repariert – es fällt das Stichwort Yakuza. In solchen grotesken Gegensätzen, in Widersprüchen, Erwartungen, Fehleinschätzungen und Andeutungen entwickelt sich Christoph Peters’ wunderbar heiterer Bildungs- und Liebesroman mit Krimistrang. Er stellt das Archaische und das Moderne, das Bedeutende und das Profane, das Exotische und das Alltägliche, das Spießige und das Abgründige dicht nebeneinander und schlägt aus dem Zusammenprall der Kulturen und Mentalitäten grelle und komische, aber auch geheimnisvolle und unheimliche Funken. Im Blick auf asiatische Angestellte, deutsche und japanische Gäste und den Helden Achim gelingen ihm subtile Beobachtungen.

Die Liebe zu Mitsuko geht zwar durch den Magen. Aber Achim und sie kommen nicht wirklich zusammen – oder nur vorübergehend, so lange man den Anderen erfolgreich als Projektionsfläche benutzen kann, in der man sich selbst spiegelt. Auch darin korrespondiert dieser Roman mit dem in der Türkei spielenden „Tuch aus Nacht“ (2003) und dem Dschihad-Roman „Ein Zimmer im Haus des Krieges“ (2006).

Auf einer zweiten Ebene, unter der Überschrift „Einige hundert Jahre zuvor in Japan“, erzählt Peters in knapper Form und hohem Ton die Parabel vom geschlagenen Samurai-Fürsten Norishige, der sich nicht ins Schwert stürzt, sondern das nichtswürdige Leben des Vogelfreien lebt, um bei Meister Tsujimura das Geheimnis der Teeschalen zu erfahren. Über ein Jahr verbringt er, mit dem Tode ringend, in einem Verschlag. Bis ihm der Meister eine Schale schenkt. Norishige wird ermordet. Als man die Schale bei ihm findet, entleibt sich der Meister.

Achim folgt seiner Obsession, die japanischen Traditionen zu verstehen und ihre Geheimnisse zu erkennen, indem er Mitsuko nachläuft. In diesem naiven Bemühen macht er sich zum Narren seiner Verletzlichkeit. Mitsuko kommt ihm näher, weil sie sein Bemühen ernst nimmt. Aber es gelingt beiden nicht, die Leere, den Riss zwischen ihren Existenzen zu überwinden. Anders als zu Samurai-Zeiten ist der Widerspruch nicht mehr tödlich. Aus dem Scheitern erwachst eine neue Selbsterkenntnis. So versteckt sich eine doppelte Parzival- und Gralsgeschichte in diesem Roman. Mit ihm ist Christoph Peters ein Buch gelungen, das über weite Teile die Leichtigkeit einer japanischen Tuschezeichnung hat. Die vielen Druckfehler, darunter auch sinnentstellende, hat es nicht verdient.

Christoph Peters: Mitsukos Restaurant. Roman. Luchterhand Verlag, München 2009. 416 S., 19,95 €

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