Leonard Cohen : Kriegsbabys an der Macht

Neu übersetzt: Leonard Cohens Debütroman „Das Lieblingsspiel“. Nicht jeder weiß, dass Leonard Cohen zwei Romane schrieb, bevor er als Sänger bekannt wurde. Sowohl „Beautiful Losers“ (1966) wie Cohens Erstling „The Favourite Game“ (1963) waren schon auf Deutsch erhältlich.

Hans-Peter Kunisch

Zwar ist Elisabeth Hannover-Drücks 35 Jahre alte Übersetzung von „Das Lieblingsspiel“ durchaus wortgenau, doch führt das nicht selten zu gestelzten Satzkonstruktionen, die aus keiner Sprache wirklich zu stammen scheinen. Woher Cohen kam, als er sich zum ersten Mal als Romancier versuchte, das merkt man viel eher in der Neuübersetzung von Gregor Hens. Obwohl das Buch einen im Grunde genommen braven roten Faden hat – die deutlich autobiografisch gezeichnete Lebensgeschichte von Lawrence Breavman – spürt man darin den Lyriker Cohen, dessen erster Gedichtband „Let Us Compare Mythologies“ 1956 erschienen war.

Die Handlung entwickelt sich schnell, aus konzentrierten, verspielt impressionistischen Momentaufnahmen, die von Facette zu Facette des Helden tänzeln. Noch heute mutet das Buch an wie sanfter Surrealismus. Hens hat ihm seinen Rhythmus, seinen Witz gelassen. Freundlich ironisch erstattet Cohen Bericht vom Aufwachsen eines Sohnes der Montrealer jüdischen Mittelschicht, die im Edelviertel Westmount wohnt und sich durch gesunden Dünkel auszeichnet. So halten sich die Mitglieder der Familie für „viktorianische Herrschaften hebräischen Glaubens“ und ahnen die Makel anderer: „Wenn wir es auch nicht beweisen können, so sind wir doch überzeugt, dass alle anderen Juden, die es zu etwas gebracht haben, ihr Geld auf dem Schwarzmarkt verdient haben.“ Wie Cohen kommt Lawrence Breavman aus einer alten osteuropäischen Rabbiner- und Kaufmannsfamilie, die im 19. Jahrhundert nach Kanada kam.

Jetzt melancholisiert der Vater, im Ersten Weltkrieg verletzt, besseren Zeiten hinterher, und die Mutter klagt über ihre verschwundene Schönheit: „Das ist nicht mein Gesicht, nicht mein wahres.“ Der humoristische Ton des Texts macht auch vor dem Thema Krieg nicht halt, das Cohen, 1934 geboren, beschäftigen musste: „In Europa verhungerten die Kinder und sahen zu, wie ihre Eltern Kriegspläne schmiedeten und untergingen. Wir dagegen wuchsen mit Spielzeugpeitschen auf. Irgendwann werden Sie an die Macht kommen, die Kriegsbabys. Das nur zur Warnung.“

Gut unterhalten von Cohens Leichtigkeit, beobachtet man Breavman und Freund Krantz beim Aufwachsen, lernt auch die kleinen Unterschichtfranzösinnen kennen, die im Palais d’Or tanzen gehen: „Zimmermädchen oder Hilfsarbeiterinnen. Sie trugen viel zu grelle, viel zu dünne Kleider, unter denen sich die Träger abzeichneten. Toupierte Haare und billiges Parfum. Sie rammelten wie die Kaninchen, was ihnen der Priester bei der Beichte vergab. Das war der Pöbel. Gäbe man ihnen die Gelegenheit dazu, würden sie die Synagoge abfackeln.“ So denken die Eltern.

Nicht uninteressant, diese Yvettes, finden die Söhne. Leider werden sie von Beschützerinnen der Mädchen attackiert, eine Saalschlacht entsteht: „Breavman schwang die Fäuste, traf aber nur selten.“ Da hält man sich besser an Heather, Tamara, Bertha und Shell, eine New Yorkerin, die weibliche Hauptfigur des Texts, an deren Launen Breavman allmählich erwachsen wird. Am Ende verrät Cohen Breavmans „Lieblingsspiel“ und gibt damit zugleich eine kleine Poetologie des Romans: Man wirft sich mit möglichst verrückten Bewegungen in den Schnee und schaut, welche Formen bleiben.

Leonard Cohen: Das Lieblingsspiel.

Roman. Aus dem Englischen von Gregor Hens. Blumenbar Verlag. München.

316 Seiten, 19,90 €.

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