LESESTOFF : Die Geschichte des Vorurteils

Eike Kimmel

Elizabeth und Stuart Ewen: Typen und Stereotype. Die Geschichte des Vorurteils, parthas Verlag, Berlin 2009, 582 S., 28 €.

Zu den gängigen Jahrmarkts-Attraktionen gehörte in den USA des 19. Jahrhunderts das Vermessen des eigenen Kopfes, das findige „Phrenologen“ für wenige Cents anboten. Ein ausführliches Zeugnis belegte anschließend, welche Fähigkeiten in diesem Kopf schlummerten. Einige Jahrzehnte später folgten Intelligenztests, von denen man zuverlässige Aussagen über das Potenzial der betreffenden Person erwartete. Das sind nur zwei von vielen weiteren Versuchen, die Überlegenheit von Individuen und Gruppen in einer heterogenen Bevölkerung zu „belegen“. Wie genau diese Vermessungen abliefen, das beschreiben Elizabeth und Stuart Ewen: Ihr Ziel ist es, die Kulturgeschichte des Vorurteils von den Anfängen bis heute auszuloten und bereits am Anfang dieser Geschichte stand der Wunsch, das Fremde auch messbar als das „Minderwertige“ abzuqualifizieren und dafür griffige Formeln zu finden. Tatsächlich erfährt der Leser in der umfangreichen Studie einiges Wissenswerte: Sei es, dass die Naturkundemuseen ihren Ursprung in privaten Kuriositätenkabinetten hatten oder dass Cesare Lombroso den „Wahnsinn“ des Dichters Baudelaire auch damit belegte, dass dieser sich die Haare grün färbte. Den Ursprung des Kategorisierens sehen die Autoren in der Entstehung der modernen Wissenschaften angelegt – parallel seien auch die Pseudowissenschaften entstanden, die ebenfalls als „exakte Wissenschaft“ auftraten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts tauchten Letztere in popularisierter Form auf Jahrmärkten auf, später in den „Fitter Family“-Wettbewerben, in denen besonders „wertvolle“ Familien prämiert wurden. Parallel wurden in einigen US-Bundesstaaten Gesetze zur Sterilisation angeblich „Minderwertiger“ verabschiedet, die das unerwünschte Wachstum der unteren Bevölkerungsschichten verhindern sollten. Die Ewens konzentrieren sich räumlich auf die USA, berücksichtigen in ihrer Studie aber sehr unterschiedliche Erscheinungsformen der Vorurteilspopularisierung – von der Ausstellung bis zum Film. Leider sind die historischen Episoden aus der Geschichte des Vorurteils nur vage miteinander verknüpft. Dazu passt, dass der Band nach über 500 Seiten abrupt endet, ohne dass ein roter Faden erkennbar geworden wäre. Eike Kimmel

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