Lesestoff : Die Geschichte eines genialen Fälschers

Hugh Trevor-Roper beschreibt das Leben eines Mannes, das ein reines Lügengebäude war. Die Geschichte eines Hochstaplers, der seine ungeheuren, vor allem sinologischen Talente merkwürdig sinnlos eingesetzt hat.

Moritz Schuller

Oxford verlässt der junge Sir Edmund Blackhouse ohne Abschluss, aber mit Schulden in Höhe von 23 000 Pfund. Drei Jahre später, 1899, taucht er plötzlich in Peking auf und beginnt, die Welt von dort jahrzehntelang zum Narren zu halten: Er schreibt ein äußerst erfolgreiches Enthüllungsbuch über „China unter der Kaiserinwitwe“, das angeblich auf dem Tagebuch eines Hofeunuchen basiert. Er kauft den Chinesen im Auftrag des britischen Außenministeriums Waffen ab. Er stiftet der Bodleian Library in Oxford so wertvolle chinesische Manuskripte, dass sie ihn dort fast zum Professor ernennen, und in seinen obszönen autobiografischen Aufzeichnungen macht er sich gar zum Liebhaber der Kaiserinwitwe. Nichts davon stimmt. Das Tagebuch des Eunuchen ist eine Fälschung, die Waffenlieferungen erweisen sich als Fiktion, die meisten der wertvollen Manuskripte sind Kopien. Der überall hoch angesehene Edmund Blackhouse ist ein Hochstapler, dessen Glaubwürdigkeit, wie Trevor-Roper schreibt, „auf seinem unwiderstehlichen Charme und seiner scheinbaren Aufrichtigkeit, aber auch auf seinem scheinbaren Realismus“ gründete. Er ist detailversessen, kaltblütig und überzeugend. Die Entlarvung, die Trevor-Roper so aufwendig wie unterhaltsam betreibt, ist ein Indizienprozess. Am Ende ergibt sich das Bild eines Mannes, dessen gesamtes Leben ein Lügengebäude war, der seine ungeheuren, vor allem sinologischen Talente merkwürdig sinnlos eingesetzt hat. Wie andere Hochstapler auch war Blackhouse stets auf der Flucht, der Entlarvung immer nur eine Ausrede voraus. Er floh, vermutet Trevor-Roper, vor dem sozialen und auch sexuellen Konformismus seiner Zeit. Doch das ist nicht alles: Er gestaltet sein Leben vielmehr wie ein Kunstwerk, das der Ästhetik, nicht der Realität verpflichtet ist. Am Ende dieser Inszenierung stirbt Blackhouse vereinsamt 1944 in Peking. Dass gerade der renommierte englische Historiker Trevor-Roper Blackhouse mit dieser im Original bereits 1976 erschienen Biografie enttarnt, ist nicht ohne Ironie: Nur wenige Jahre später erklärte Trevor-Roper die angeblichen Hitler-Tagebücher des „Stern“ für echt und wurde so selbst zum Opfer eines Fälschers.

Hugh Trevor-Roper: Der Eremit von Peking. Die Geschichte eines genialen Fälschers.

Aus dem Englischen von Andrea Ott.
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009. 393 Seiten, 32 Euro.

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