LESESTOFF : Manfred Gehrmann: Die Überwindung des ,Eisernen Vorhangs’.

Die Abwanderung aus der DDR in die BRD und nach West-Berlin als innerdeutsches Migranten-Netzwerk. Ch. Links, Berlin 2009. 650 S., 49, 90 €.

Hannes Schwenger


650 Seiten benötigt der Berliner Soziologe Manfred Gehrmann, um seine Kernthese zur Abwanderung aus der DDR zu belegen, die der Romanautor Erich Loest in einen einzigen Satz gefasst hat. Gehrmann zitiert ihn als Motto: „Wer drüben einen Platz gefunden hatte, zog andere nach; der spätere Strom begann mit seinen Bächen.“ Es geht um die Abwanderung von knapp fünf Millionen Menschen in vier Jahrzehnten aus der DDR in die alte Bundesrepublik, mehr als einem Viertel der DDR-Bevölkerung. Seit Albert Hirschmanns berühmter Studie über Abwanderung und Widerspruch, die er 1992 ausdrücklich auch auf die DDR anwandte, geht die soziologische Debatte um das Verständnis von Abwanderung als individualisierte Migration oder – im Sinne der australischen Soziologen John und Leatrice MacDonald – als Kettenwanderung vernetzter Migrantenströme. Solche Zusammenhänge sind schon aus klassischen Studien über polnische und deutsche Einwanderung in die USA bekannt und sind besonders plausibel in einem willkürlich geteilten Land mit grenzüberschreitenden Verwandtschafts-, Wirtschafts- und Sprachbeziehungen, übergreifenden Kirchenstrukturen und Massenmedien. Die DDR hat die innerdeutschen Vernetzungen und Rückverbindungen ihrer „Republikflüchtlinge“ und „Ausreiser“ nie, auch nicht nach dem Bau der Mauer, unterbinden können und durch kollektive Repression selbst zur Solidarisierung unzufriedener und ausreisewilliger Bürger beigetragen. Gehrmann rekonstruiert die Soziogenese der Massenabwanderung von der „Abstimmung mit den Füßen“ der 50er Jahre bis zur „Abstimmung durch Ausreiseantrag“ und Botschaftsbesetzungen. Ein eigenes Kapitel gilt dem ambivalenten Verhältnis von Abwanderung und Widerspruch, das lange Zeit „Ausreiser“ und „Dableiber“ trennte, um endlich von zwei Seiten die finale Krise der DDR zu bewirken. So kam es zur Überwindung des „Eisernen Vorhangs“, die Gehrmanns Studie den Titel gegeben hat und die sie mit den Mitteln einer breit angelegten soziologischen Untersuchung – Fallstudien und Oral History – plausibel macht. Hannes Schwenger

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