LESESTOFF : Thomas Leif: Angepasst und ausgebrannt

Thomas Leif schreibt ein Buch über die Nachwuchsprobleme der deutschen Parteien. Es hätte ein Standardwerk werden können.

Christian Tretbar

Thomas Leif: Angepasst und ausgebrannt. Die Parteien in der Nachwuchsfalle. Warum Deutschland der Stillstand droht. Verlag C. Bertelsmann, München 2009, 494 Seiten, 17,95 Euro.

Ein Standardwerk. Das hätte es werden können. Ein Buch zu einem Thema, das Deutschland in den kommenden Jahren beschäftigen wird, beschäftigen sollte. Es geht um den politischen Nachwuchs. Der Fernsehmann und Publizist Thomas Leif unterzieht die Parteienlandschaft einer Wurzelbehandlung und macht ein großes Problem aus: Deutschland drohe ein Erosionsprozess der Demokratie. Ihre Legitimation gehe verloren, weil einerseits immer weniger Menschen wählen gehen und sich andererseits immer weniger politisch engagieren, vor allem parteipolitisch. Stattdessen würden nur die „falschen Karrieristen“ von Parteien herangezüchtet. Die Spitzen der Parteien wüssten um das Problem, würden es aber ignorieren, um die Machtbasis zu erhalten.

Vieles von dem, was Leif am Ende des Buches in 17 Thesen zusammenstellt, ist das Resultat einer fundierten Recherche. Zahlreiche Interviews hat er geführt, so etwa mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) oder der SPD-Vizechefin Andrea Nahles. Die gibt zu, dass in der SPD mit verschiedenen Akademien zwar Nachwuchs gefördert werde, aber ein gezieltes Suchen nicht stattfindet: „Ich habe den Eindruck, dass die Union systematischer in einem Spektrum von Leuten sucht, die nicht automatisch Mitglieder der Partei sind. … Da sehe ich in meiner Partei Defizite.“ Außerdem bietet das Buch unveröffentlichte Dokumente und Studien, beispielsweise eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführte Untersuchung zum Demokratieverständnis der Deutschen. Die Ergebnisse bereiten Sorgen, so erklärten ein Viertel der Befragten, dass sie „mit der Demokratie, wie sie bei uns heute ist, nichts zu tun haben“ wollen. Trotz der Fülle an Informationen und Analysen hat das Buch aber eine Schwäche: Es ist überfrachtet. Ihm fehlt eine stringente Gliederung; sich zu orientieren, fällt schwer. In der ganzen 1968er und „Neue Soziale Bewegungen“-Lyrik kommt zudem zu kurz, vor welchen komplexen Herausforderungen junge Menschen heute stehen: zwischen Prekariat und vakanten Arbeitsverhältnissen. Ein Standardwerk wird es wohl nicht, aber es könnte den Beginn einer Debatte markieren, für die Leif auch einen Lösungsvorschlag hat: eine Jugendquote für Parteien. Christian Tretbar

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