Lesestoff : Weltpolitisches und eine Familienbiografie

Über die Geschichte der Gefangenen von Spandau und die Geschichte einer ungewöhnlichen Familie.

Moritz Schuller

Norman J.W. Goda: Kalter Krieg um Speer und Heß. Die Geschichte der Gefangenen von Spandau.

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009. 458 Seiten, 39,90 Euro.

Schon die Regelung darüber, wie lange sich der kranke Karl Dönitz tagsüber in seiner Zelle hinlegen dürfe, wurde zu einem internationalen Politikum. Kein Wunder also, dass die Frage, was einmal mit von Neuraths Asche geschehen solle, geradezu Panik in Washington, Paris, London und Moskau auslöste. Denn, da waren sich die ehemaligen Alliierten einig, schreibt Norman Goda, „die heimliche Beseitigung ihrer sterblichen Überreste würde nicht verziehen werden, vor allem in Westdeutschland nicht“. Goda erzählt jedoch nur vordergründig die Geschichte der sieben Spandauer Hauptkriegsverbrecher und das skurrile Tauziehen um ihre Haftbedingungen und die Kämpfe um ihre Entlassung. Sie dienen ihm vielmehr als Fixpunkt, um den herum er die sich verändernde weltpolitische Szenerie beschreibt: Goda zeigt, wie schnell aus Kriegsverbrechern politische Pfänder im Kalten Krieg wurden; wie sehr die Haltung zu den Häftlingen sich den neuen politischen Umständen anpasste. Goda erzählt so die Geschichte vom rasanten Übergang des heißen in den kalten Krieg.

Alexander Waugh: Das Haus Wittgenstein. Geschichte einer ungewöhnlichen Familie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 440 Seiten, 24,95 Euro.

Dass sich Alexander Waugh in seiner Familienbiografie auf Paul (und nicht auf den Philosophen Ludwig) Wittgenstein konzentriert, ist zwar überraschend, aber das Schicksal des schwerreichen, einarmigen Pianisten, der sich von berühmten Komponisten Stücke für einen Arm schreiben ließ, lohnt es ihm. Der Musikwissenschaftler Waugh, der selbst einer ungewöhnlich talentierten Familie entstammt, beschreibt den Aufstieg und Fall der musisch hoch begabten Wittgensteins im Spiegelbild ihrer historischen Epoche: Aus dem k.u.k. Großindustriellenclan wurde schon bald nach dem Anschluss Österreichs (und durch ihn) eine exilierte, teils enteignete, untereinander zerstrittene Restfamilie. Waugh schildert diesen Weg jedoch nicht als dekadente Verfallsgeschichte, sondern als Tragödie einer feinfühligen und bisweilen seelenmüden Familie, der Tod, Selbstmord und Krankheit stete Begleiter waren.

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