Literatur : LESESTOFF

Hermann Rudolph

Ekkehard Eickhoff

: Venedig - Spätes Feuerwerk. Glanz und Untergang der Republik 1700- 1797. Klett-Cotta, Stuttgart, 2. Auflage 2007, 440 Seiten, 29,50 Euro.

Was sind die schönsten Bücher? Es sind jene, die einen Vorhang aufziehen, hinter dem eine Welt in neuem Licht erscheint. Die eine Geschichte so mit Leben erfüllen, ihr Farbe und Fülle verleihen, als würde sie aus einer Altersstarre erlöst. Das Buch, das Ekkehard Eickhoff über das Venedig des 18. Jahrhunderts geschrieben hat, hat diesen verwandelnden Zugriff. Es setzt an die Stelle der paar Begriffe und Bilder, die der Bildungskanon zum Thema aufbewahrt – die „Königin der Meere“ und ihre mittelmeerische Ausdehnung, Karneval und Dogenherrschaft – eine Erzählung von einer großen Epoche geselliger Kultur, verfeinerter Lebenskunst und europäischem Geist. Sie reicht über ein ganzes Jahrhundert, und deutet sie – so der Titel – als ein „spätes Feuerwerk“, als europäisches Finale. Unser Geschichtsbild bekommt ein neues Licht aufgesetzt.

Venedig ist in dieser Zeitspanne nicht mehr die stolze Macht, die mit ihren Schiffen das Mittelmeer beherrschte und im Konzert der europäischen Großmächte eine wichtige Rolle spielte. Die Adelsrepublik war saturiert und – nach dem heroischen Abwehrkampf, den sie dem imperialen Anspruch der Türken geliefert hatte – militärisch ermüdet. Als kulturelles und gesellschaftlich-geselliges Zentrum blühte sie indes auf. Dieses Staatswesen mit seiner altertümlichen Ordnung, die ihre finsteren Züge hatte, wurde – wie Eickhoff formuliert – der „Festspielplatz Europas“, ein „Ort der Verheißung“, die „Süße und Freiheit des Lebens zu kosten wie nirgendwo sonst“. Dieser Charakter der Stadt entfaltete sich in einer Fülle volkstümlicher Feste ebenso wie im üppigen Theater- und Konzertbetrieb, in Caféhäusern, Salons und Spielcasinos – alles zusammen ein Reizklima für Musik und Literatur, originelle Charaktere und abenteuerliche Existenzen. Und das halbe Europa spielte mit: man trifft in Eickhoffs Buch auf Rousseau und Montesquieu, auf Vergnügungs- und Bildungsreisende aller Kaliber – zum Beispiel auch auf Vater Goethe und, fast ein halbes Jahrhundert später, den Sohn –, auf gekrönte Häupter und Standespersonen, bevorzugt incognito.

Eickhoff hat uns erst vor ein paar Jahren mit seiner Biographie Kaiser Otto III. die von Ängsten und Sehnsüchten umloderte Welt des frühen Mittelalters nahegebracht. Nun liefert er uns ein venezianisches Concerto, beschwingt wie die Goldoni-Stücke, die von Venedig aus die Bühnen der Welt eroberten. Vermutlich hat die Spanne solcher Autorschaft ihren Grund auch in einer ungewöhnlichen Doppelkarriere. Denn dieser Historiker ist ein Diplomat. Eben erst habilitiert, wurde er – nach unterschiedlichen Stationen – Mitarbeiter Walter Scheels im Präsidialamt, dann Leiter der KSZE-Delegation der Bundesrepublik in Wien, schließlich Botschafter in Südafrika, Irland und der Türkei. In diesem Sommer ist er 80 Jahre alt geworden. Hermann Rudolph

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben