Literatur : LESESTOFF

Ilko-Sascha Kowalczuk

Hartmut Kaelble:

Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2007, 437 Seiten, 34,90 Euro.

Wo liegt oder was stellt „Europa“ eigentlich dar? Allein die Debatte darüber, ob die Türkei nun ein Teil Europas sei oder nicht, zeigt, wie wenig banal und wie aktuell zugleich diese Frage ist. Der Berliner Sozialhistoriker Hartmut Kaelble mischt sich in diese Debatte nun mit einem bemerkenswerten Buch ein, das Fakten und Thesen unaufgeregt präsentiert. Ihm geht es darum, in europäischen Querschnittsanalysen vergleichend darzulegen, wie sich „Soziale Grundkonstellationen“ (Familie, Arbeit, Konsum, Lebensstandard, Werte, Säkularisierung), „Soziale Hierarchien und Ungleichheiten“ (Eliten, soziale Milieus, Mobilitätschancen, Migration) sowie „Gesellschaft und Staat“ (Medien, Öffentlichkeit, soziale Bewegungen, soziale Konflikte, Wohlfahrtsstaat, Städtewachstum, Bildung) in Europa seit 1945 entwickelten und veränderten. Kaelble zeigt zum einen, dass das Kriegsende für die meisten europäischen Länder soziale und kulturelle Folgen zeitigte, die oft erst in den späten 50er Jahren ihre Wirkkraft entfalteten. Zum anderen, dass viele seit den 90er Jahren zu beobachtende Veränderungen bereits im Jahrzehnt zuvor zutage getreten waren. Dabei gab es viele Ungleichzeitigkeiten, die eher die These von Europas Vielheit in der Einheit zu bestätigen scheinen. Die EU-Osterweiterung „war daher keine Erweiterung in eine Welt der fremden Werte, sondern die Öffnung gegenüber einer Welt vergleichbarer Werte“. Kritisch ist anzumerken, dass dieses weithin empfehlenswerte Buch drei Mängel aufweist. Erstens ist es vorrangig ein Buch zur Sozialgeschichte West- und Nordeuropas. Obwohl Hartmut Kaelble außerordentlich sorgsam abwägt, bleiben im Syntheseversuch selbst Nivellierungen der unterschiedlichen europäischen Gesellschaften, auch der gesellschaftlichen Binnendifferenzen, nicht aus. Drittens: die Arbeit bleibt letztlich der Konstruktion eines weißen, christlichen Europa verbunden und behandelt die „anderen“ nicht als feste Bestandteile, sondern als nicht dazugehörig. Dennoch: mit diesem Buch hat Hartmut Kaelble ein Werk vorgelegt, an dem politische wie wissenschaftliche Debatten auf lange Zeit nicht vorübergehen können. Ilko-Sascha Kowalczuk

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