Literatur : LESESTOFF

Moritz Schuller

Vaclav Havel:

Fassen Sie sich bitte kurz. Gedanken und Erinnerungen. Rowohlt Verlag, Reinbek 2007. 415 Seiten, 19,90 Euro.

Sollte er seine Memoiren schreiben, sagte Havel einmal, würden sie eine Mischung aus Henry Kissinger und Charles Bukowski werden. Er hat, wie so oft in seinem Leben, Wort gehalten: Das Buch verwebt äußerst unterhaltsam ein langes Interview, das Havel mit Karel Hvizdala geführt hat, mit einem Rückblick aus dem Jahr 2005 und tagesaktuellen Vermerken aus seiner Amtszeit an seine Mitarbeiter („21.8.1999: In der Kammer, wo der Staubsauger steht, lebt auch eine Fledermaus. Wie vertreibt man sie?“). Es ist der angenehm uneitle Bericht eines Mannes, der auch als gefeierter Präsident ein Dissident geblieben ist: auf Distanz zum Politgeschäft, zu rücksichtsvoll für deren Protagonisten, voller Selbstzweifel und ohne Selbstvertrauen. Havel redet offen über alles, über die Teilung des Landes, die Russen, die allseits ungeliebte Ehefrau, seine krankheitsbedingten Wahnvorstellungen und auch darüber, dass Richard von Weizsäcker sein „Lehrer im Präsidentenamt“ gewesen ist. Moritz Schuller

Winfried Speitkamp:

Kleine Geschichte Afrikas. Reclam Verlag, Stuttgart 2007. 516 Seiten, 16, 90 Euro.

Lange galt Schwarzafrika als geschichtslos. Winfried Speitkamp untersucht dagegen die frühgeschichtliche Ära, betrachtet das „lange 19. Jahrhundert“, analysiert die Zwischenkriegszeit und das postkoloniale Afrika. Zwei Traumata, meint der Historiker an der Universität Gießen, dominieren das „kollektive Gedächtnis“ der Afrikaner: Sklavenhandel und Kolonialismus. Araber und Europäer kauften Sklaven, die oft von eigenen „Landsleuten“ gefangen wurden. Ende des 19. Jahrhunderts dominierten europäische Mächte ganz Schwarzafrika, auf der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 besprachen sie ihr Vorgehen. Infrastruktur, Bildung, Gewinnstreben, Privateigentum änderten das traditionelle Leben fundamental. Allerdings war diese erzwungene Modernisierung kein Selbstzweck, sondern hatte Rendite einzubringen. Europa schuf instabile, willkürlich geformte Staaten. Sobald sie Unabhängigkeit erlangten, verhinderten Militärdiktatoren deren Zerfall. Doch noch immer pendelt Afrika zwischen Bürgerkrieg und Tyrannei, politische Identitäten fehlen. Winfried Speitkamp leistet einen hilfreichen Beitrag zur „Erinnerungskultur“ des Kontinents. Rolf Helfert

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