Literatur : LESESTOFF

Stefan Otto

Martin Jankowski:

Der Tag, der Deutschland veränderte. 9. Oktober 1989. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2007.

172 Seiten, 9,80 Euro.

Am 9. Oktober 1989, einem Montag, waren die Leipziger Kirchen zum Friedensgebet überfüllt. Viele kamen nicht mehr hinein und versammelten sich auf der Straße, obwohl überall in der Innenstadt bewaffnete Kräfte präsent waren. Es gab Schießbefehl, alles deutete darauf hin, dass es Tote geben würde. Trotzdem wuchs die Menge bis auf 70 000 Menschen an und formierte sich zur ersten DDR-Massendemonstration seit dem 17. Juni 1953. Der Autor Martin Jankowski war selbst unter den Demonstranten und gestaltete im Herbst 1989 die Friedensgebete in der Nikolaikirche mit. Sein Band „Der Tag, der Deutschland veränderte“ dokumentiert das Geschehen auf der Straße. Ungewöhnlich ist Jankowskis Perspektive. Neben der Einsicht in die Protokolle lässt er seine Beobachtungen als Aktivist an der Basis einfließen. So zeigt er etwa auf, dass der Kirche die Regimekritiker in ihren Reihen nicht geheuer waren. Landesbischof Johannes Hempel etwa sprach von „Aggressionsgebeten“, die in der Nikolaikirche stattfanden und prophezeite Auseinandersetzungen. Doch die Konfrontation blieb aus. Warum kam zu keinem Blutbad? In Ostberlin gab es ja mit Erich Honecker einen Staatschef, der beim Anblick der Bilder aus Leipzig fragte, ob man da nicht einfach Panzer durchfahren lassen könne. Doch Honecker hatte zu diesem Zeitpunkt kaum mehr Einfluss auf die Ereignisse. Keine zwei Wochen später übernahm Egon Krenz seinen Posten als Staatsratsvorsitzender, und Krenz konnte in dieser Phase, als die Intrige in Ostberlin schon längst gesponnen war, kein Blutbad gebrauchen. Für den Zusammenbruch der DDR sei die erste große Montagsdemonstration ein entscheidender Wendepunkt gewesen. Zu diesem Schluss kommt Martin Jankowski – und bemängelt, dass der 9. Oktober bisher nicht in die Geschichte eingegangen sei. Denn nachdem der Eiserne Vorhang in Ungarn Löcher bekommen und Flüchtlinge in der Prager Botschaft ihre Ausreise erzwungen hatten, fanden nun, nach dem 9. Oktober, überall Massenproteste statt. „Die Menschen haben an diesem Tag ihre Angst überwunden“, meint zutreffend der Kabarettist Bernd-Lutz Lange, einer der „Leipziger Sechs“, die den Dialog zwischen Regierenden und Demonstranten herstellten.Stefan Otto

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