Literatur : LESESTOFF

Frank Jansen

Michael Kraske, Christian Werner:



„… und morgen das ganze Land.“ Herder Verlag, Freiburg 2007. 219 S., € 17,90.

Die Zahlen der Bundesregierung sind erschreckend, auch wenn sie abstrakt bleiben. Neonazis und rechte Schläger haben allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres mindestens 427 Personen verletzt, das sind über 100 mehr als von Januar bis August 2006. Doch wer die Opfer sind, wie sie misshandelt wurden und welche physischen und psychischen Folgen die Tat hat, geht aus den Zahlen nicht hervor. Einige Fälle, die in diese Statistiken vielleicht eingeflossen sind oder zumindest dort hingehören, werden jetzt in einem Buch über den Straßenterror der rechten Szene beschrieben. Michael Kraske (er schreibt auch für den Tagesspiegel) und Christian Werner haben mit dem nigerianischen Fußballer Adebowale Ogungbure gesprochen, der in Halle von Hooligans attackiert wurde. Die Autoren trafen sich mit dem Asylbewerber Alpha Amadu Bah aus Sierra Leone, den rechte Schläger in Berlin bewusstlos prügelten – die Polizei soll weder dem Oper geholfen noch eine Anzeige aufgenommen haben. Es folgt die Geschichte von Martin Haufe, einem Punk, dem Skinheads in Zittau ins Gesicht traten. Und so geht es weiter. Die Summe der Schicksale packt den Leser mit einer Wucht, dass er so manches Mal die Lektüre abbrechen möchte. Doch wer wissen möchte, was die rechte Szene in Deutschland treibt, sollte sich die zehn Kapitel antun.

Dabei wird nicht nur über Opfer berichtet. Kraske und Werner beschreiben auch die politischen Strategien von NPD und Neonazi-Kameradschaften. Und den Mangel an Wahrnehmung der rechten Gefahr, den sich die Mehrheit der Gesellschaft leistet – zwischen meist schockartigen Aufwallungen. Die beiden Journalisten haben ein Buch geschrieben, das man als Dokument begründeter Empörung begreifen kann. Mehr sollte man von dieser Zustandsbeschreibung, auf dem Cover etwas reißerisch als „Insiderbericht“ beworben, nicht erwarten. Die Autoren erheben keinen Anspruch auf eine Analyse ideologiegeschichtlicher Hintergründe der Phänomene. Auch die Strömung der „Neuen Rechten“, die antidemokratische Inhalte zu intellektualisieren sucht, bleibt außen vor. Das schmälert keineswegs das Verdienst von Kraske und Werner, die Hardcore-Varianten des deutschen Rechtsextremismus kenntnisreich skizziert zu haben. Frank Jansen

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