Literatur : LESESTOFF

Matthias Meisner

Kramar und Marcell Nimführ mit Andrey Smolensky:

Hier spricht Radio PMR. Nachrichten aus Transnistrien, Verlag für Bildschöne Bücher, Berlin 2007, 240 S., 35 €.

Eigentlich ist es ein kleines Wunder, dass Freunde bizarrer Weltgegenden nicht schon längst mit einem Buch über Transnistrien bedient worden sind. Gerade feierte der schmale Landzipfel an der Grenze zur Ukraine, der sich nach einem Bürgerkrieg 1992 von der gerade unabhängig gewordenen ehemaligen Sowjetrepublik Moldawien losgesagt hat, den 17. Jahrestag der „Unabhängigkeit“. Von Nordwest nach Südost mehr als 200 Kilometer lang, meist aber nur ein paar Kilometer breit ist die von Russland hofierte, aber von keinem Staat anerkannte Republik. In „Hier spricht Radio PMR – Nachrichten aus Transnistrien“ haben zwei Wiener Journalisten mit einem jungen Transnistrier, der im Radio der Hauptstadt Tiraspol Propagandanachrichten vorträgt, zusammengearbeitet. Eine gewisse Einseitigkeit nehmen sie bewusst in Kauf: Transnistrien soll nicht böse erscheinen. Schon im Vorwort von Wladimir Kaminer geraten die Merkwürdigkeiten in den Vordergrund. Die Stärke des Buches, neben den mehr als 150 fast durchweg großartigen Fotos: Den Autoren ist es gelungen, sich den Menschen in der abtrünnigen Möchtegern-Republik zu nähern, die 1994 mit dem transnistrischen Rubel eine eigene Währung einführte, Russisch statt Rumänisch als Landessprache verordnete und sich auch sonst nichts von der moldauischen Regierung sagen lässt. Vom 22-jährigen Schauspieler und Tattoo-Künstler über einen Schießbudenbesitzer bis zum Dirigenten des Geheimdienstorchesters liefern sie eine Auswahl von den paar hunderttausend Ukrainern, Russen und Moldauern, die sich ab und an offenbar als Transnistrier fühlen. Über Politik sprechen die meisten der Porträtierten nur ungern – der Hinweis darauf, dass es sich beim Regime in Tiraspol um eine Diktatur handelt, kommt also nur indirekt vor. Fragen dazu meiden die Autoren – das ist die deutliche Schwäche des Titels. Nur die Spitzenkandidatin der oppositionellen Kommunisten darf sich wundern, dass vor dem Regierungsgebäude in Tiraspol noch ein Lenin-Denkmal steht. Dass der Konzern „000 Sheriff“ zu dem im Land vom Fußballclub über Tankstellen, Supermärkte und Cognac-Fabrik fast alles gehört, den Familienclan des Präsidenten Igor Smirnow bereichert, wird unterschlagen. Dafür wird Smirnow mit einem Textauszug aus seinem eigenen Buch gehuldigt. Und der Gastbeitrag des Leipziger Professors Stefan Troebst, der alles einordnen könnte, ist schon vor fünf Jahren erstmals veröffentlicht worden. Matthias Meisner

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