Literatur : LESESTOFF

Moritz Gathmann

Stefanie Peter (Hg.):

Alphabet der polnischen Wunder, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2007, 328 Seiten, 24,80 Euro.

Seit die Zwillingsbrüder Kaczynski im Wochenrhythmus die EU durcheinanderbrachten, ist Polen ein Land geworden, über das sich nicht nur die Deutschen wundern. Vieles verstehen wir nicht: die Vorwürfe des Geschichtsrevisionismus, die harten Abtreibungsregeln, die Homophobie – und die Sprache mit den vielen cz, sz und den nasalen Vokalen. Nun gibt es ein Buch, das einige Dinge erklärt. Die manchmal belächelte Kulturwissenschaft zeigt hier, was sie kann: Das „Alphabet der polnischen Wunder“ ist ein Konglomerat aus Geschichte, Politik, Pop und Alltagskultur. Es versammelt Historiker, Kulturwissenschaftler und Schriftsteller aus Deutschland und Polen, die in ihrem jeweils eigenen Duktus 130 Begriffe erklären, die ein Schlüssel zum Verstehen sein können. Wer zum Beispiel von den „kresy“ liest, den verlorenen polnischen Ostgebieten, die in der Erinnerung „goldenen, im Sonnenschein wogenden Weizenfeldern“ gleichen, oder dem Phantomschmerz um die verlorenen kulturellen Zentren Wilna und Lemberg, der fühlt sich an Erzählungen deutscher Vertriebener erinnert. Deutsch-polnische Interferenzen finden sich zuhauf: Die Straßenbahnen, die in den 90ern billig aus Deutschland gekauft wurden, werden im Volksmund zu Ehren des Kanzlers a.D. ironisch „Helmuty“ genannt, „Prusak“ (Preuße) bedeutet Schabe, „Szwab“ ist eine verächtliche Bezeichnung für die Deutschen, und „na Saksy“ fährt ein Pole, wenn er ins europäische Ausland fährt, um dort zu arbeiten. Vor allem aber macht das „Alphabet“ neugierig – auf eine Kultur, zu der oft der Zugang fehlt. Auf den exzentrischen Soulsänger Czeslaw Niemen etwa. Oder Steffen Möller, seinerzeit Theologiestudent, der zu den beliebtesten Schauspielern Polens gehört und das polnische Pendant von „Wetten, dass..?“ moderiert. Das Spezifikum der polnischen Geschichte – die vielen Teilungen durch fremde Mächte – wird am Beispiel von Sejny erzählt, eines kleinen Ortes an der polnisch-litauischen Grenze, der in seiner Geschichte zehnmal (!) seine staatliche Zugehörigkeit gewechselt hat. Ein Verleger hat in der Stadt einen Verlag namens „Pogranicze“ (Grenzland) gegründet und betreibt mit den Bewohnern ein beispielloses Mikrogeschichtsprojekt, mit dem er demonstrieren will, „dass die Grenze nicht ein Ende ist, sondern ein Aufruf, sie alltäglich zu überschreiten“. Auch die Alltagskultur, die kaum ein Reiseführer erklärt, hat ihren Platz: der „Fiat Polski“, der polnische Trabi, der auch heute noch über die Straßen schleicht, das Geheimnis des Büffelgraswodkas „Zubrówka“ (hierzulande Grasowka), die immer noch lebendige Tradition des Handkusses. Das Lexikon endet rein zufällig mit dem Artikel „Zwillinge“, das vor allem von den beiden Kaczynskis handelt: Lech und Jaroslaw spielten 1962 in der Verfilmung des Jugendromans „Von zweien, die den Mond stahlen“ die zwei Lausbuben Jacek und Placek. Auch so ein polnisches Wunder. Moritz Gathmann

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