Literatur : LESESTOFF

Hannes Schwenger

Hartmut Zwahr:

Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und „Prager Frühling“ –

Tagebuch einer Krise 1968 bis 1970. Dietz Verlag, Bonn 2007. 434 Seiten,

36 Euro.

„Dass Dubcek bleibt, ist trotz der Stationierung sowjetischer Tuppen in der CSSR etwas ganz Unerhörtes, ein bei einem solchen Aufwand an Gewalt noch vor zwei Monaten unvorstellbarer Vorgang. Sind das die Schwalben, die den Sommer melden, die ankündigen, dass eines Tages der Sommer kommt, oder die Schwalben, die noch keinen Sommer machen?“ Die Notiz des Leipziger Sozialhistorikers Hartmut Zwahr vom 5. Oktober 1968 liefert das Titelmotiv für sein Tagebuch „Die erfrorenen Flügel der Schwalbe“. Es sei das Tagebuch einer Krise von März 1968 bis April 1970, fügt er im Untertitel hinzu und lässt offen, ob die Krise in Prag gemeint ist oder die eigene Krise des Autors, der sie mit Hoffnung und Verzweiflung begleitet; sein Buch dokumentiert beides. Es ist ein rares Zeugnis der an kritischen Aufzeichnungen nicht eben reichen DDR und kein Zufall, dass Zwahr sich auf das Vorbild Victor Klemperers „LTI“ bezieht, die auch die ersten Jahre der DDR umfassen, aber erst nach deren Ende erscheinen konnten. Auch Zwahrs Aufzeichnungen, von der eigenen Mutter versteckt, hätten in der real existierenden DDR nie erscheinen können, obwohl ihr Autor seit März 1968 Vollmitglied der SED wurde, wozu ihm ein Kollege „starke Nerven“ wünschte. „Die werden wir brauchen“ ist sein Kommentar, denn schon bei der täglichen Lektüre des „Neuen Deutschland“ fällt ihm auf: „ND und Wirklichkeit, das sind zwei verschiedene Welten.“ Zwahr zieht es vor, sich über die Ereignisse in Prag durch das Organ der Bruderpartei Rude Pravo zu informieren. Seine Hoffnungen gelten einem Reformsozialismus nach Prager Vorbild: „An die Stelle von Totschweigen und Beschimpfen, von Phrasen und Ideologie muss eine junge, elastische Politik treten, die Tabus bricht, sagt was ist, wo wir stehen, wie tief die Erstarrung reicht. Wir wollen nicht westliche Verhältnisse! (...) Was wir brauchen, ist eine sozialistische Politik zur Erhaltung der DDR, eine Verbindung von Sozialismus und Demokratie, wie sie in der CSSR im Entstehen begriffen ist.“ Dass sie hier wie dort scheitert, ist das bittere Resümee der zwei Jahre von Prag und ihrer Rückwirkung auf die DDR. Am Ende die Erkenntnis: „Das ganze System, wie es bei uns läuft, macht die Menschen mit der Zeit restlos fertig.“ Zwahr genügen diese zwei Jahre, um die innere Erstarrung im öffentlichen und im Parteileben der DDR so nachvollziehbar zu machen, dass die Konsequenz der Wende von 1989 unausweichlich, die Erhaltung einer sozialistischen DDR unmöglich erscheint. Hannes Schwenger

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